Die Philosophie des Lebens nach Ortega y Gasset
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Kategorien des Lebens
1. Zu leben ist zu wissen und zu verstehen
Alles Leben ist gelebt, sich lebendig zu fühlen, nicht bloß bekannt. Das Leben ist ein Prozess des Selbstlernens. Physikalische Objekte fühlen oder wissen nichts von ihrem Wesen; wir hingegen schon. Das „Wissen“ als Merkmal des Lebens ist eine unmittelbare Präsenz, ein Bewusstsein für das, was wir tun oder erleben. Ortega betont die untrennbare Einheit von Selbst und Welt: „Ich erkenne in der Welt mich und die Welt.“ Der Mensch ist ein „Verschlinger der Wahrheiten“, ein Wesen, das die Wahrheit braucht. Dies unterscheidet Ortegas Vitalität von Nietzsches Auffassung, für den das Bewusstsein eine zufällige Überflüssigkeit des Lebens ist.
2. Das Leben ist unser Leben
Diese Präsenz in meinem Leben bedeutet, dass ich es mir zu eigen mache. Das Leben ist nicht übertragbar; niemand kann für mich leben. Alles, was ich tue, hat mich als primären Fokus.
3. Um zu leben ist in der Welt zu sein
Die Welt ist kein äußeres Objekt, sondern ein integraler Bestandteil unseres Lebens. Wir sind untrennbar mit unserer Umgebung verbunden. Unsere Welt ist nicht nur die physikalische Welt, sondern auch eine Welt der Werte, Gefühle und Sorgen. Ortega überwindet hier die Trennung von Subjekt und Objekt.
4. Das Leben ist unvermeidlich
Ortega vertritt keinen Determinismus, erkennt aber an, dass unsere Lebensumstände (Zeit, Kultur, Körper) nicht frei gewählt sind. Das Leben ist immer unerwartet und findet in einem konkreten „Hier und Jetzt“ statt.
5. Das Leben ist Freiheit
Obwohl wir unsere Umstände nicht wählen, sind wir frei in unserem Handeln. Das Leben ist eine ständige Entscheidung. Ortega beschreibt das Leben als dramatisch: Wir sind in die Welt „geworfen“ und müssen unser Leben ohne vorgefertigtes Skript erfinden. Authentizität bedeutet, eine Wahl zu treffen, die unserem tiefsten Wesen entspricht.
6. Das Leben ist Futurición
Unser Sein ist nicht das, was wir sind, sondern das, was wir sein werden. Das Leben läuft in die Zukunft. Die Zeit des Lebens ist primär die Zukunft, während Vergangenheit und Gegenwart in Bezug darauf entdeckt werden. Das Begehren und unsere Träume lenken unsere Aufmerksamkeit und bestimmen unsere Persönlichkeit.
Kritischer Realismus
Der Realismus nimmt an, dass die Realität unabhängig vom Denken existiert. Ortega kritisiert den „naiven Realismus“, der annimmt, dass Dinge trotz ständigen Wandels eine unveränderliche Substanz besitzen. Der Fehler liegt in der Annahme, dass diese Substanz die wahre Realität sei, während das Bewusstsein als sekundär betrachtet wird.
Der kritische Idealismus
Die moderne Philosophie, begründet durch Descartes, ist ein Subjektivismus. Descartes argumentiert, dass wir an allem zweifeln können, außer an unserem eigenen Denken („Ich denke, also bin ich“). Das Subjekt wird zur denkenden Substanz, die die Außenwelt in sich aufnimmt.
Ortega kritisiert den Idealismus, da er das Leben verkennt. Wenn die Welt nur ein Bild unseres Denkens wäre, würde sie zur optischen Täuschung. Ortega schlägt eine radikale Reform vor: Weder das Subjekt noch die Welt existieren isoliert. Die radikale Realität ist das Leben – das Ich in seiner Welt.