Psychologie und das SUS: Brücke zwischen Klinik und Politik
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Abstract
Dieser Artikel beschreibt die Beziehung zwischen der Psychologie und dem Einheitlichen Gesundheitssystem (SUS) in Brasilien. Ausgangspunkt ist eine Kritik an der Trennung von Praxis und Politik, die in der Ausbildung und beruflichen Praxis von Psychologen stark verankert ist. Es werden drei Prinzipien für den Aufbau öffentlicher Gesundheitspolitik angeführt: die Untrennbarkeit, die Autonomie und Mitverantwortung sowie die Transversalität. Der Artikel beleuchtet den Beitrag der Psychologie zum Austausch dieser Prinzipien und betont die Dringlichkeit, Instrumente zu schaffen, die diese Politik im Spannungsfeld von Interessenkonflikten, Wünschen und Bedürfnissen der verschiedenen Akteure im Gesundheitsnetzwerk unterstützen.
Schlagworte: Öffentliche Politik, Psychologie, Unified Health System (SUS)
Psychologie und das öffentliche Gesundheitssystem
Der Titel des Artikels weist auf einen Ausgangspunkt hin, der im Bereich der Psychologie leider noch zu selten zu finden ist: das Interesse an der öffentlichen Gesundheit. Es geht um den Einsatz des Psychologen in der Debatte über Interventionsmethoden, die über den traditionellen Rahmen einer rein individuellen, privaten klinischen Praxis oder einer Sozialpsychologie hinausgehen, welche die Trennung zwischen dem Individuellen und dem Sozialen aufrechterhält. Ziel ist es, eine Kritik an der Psychologie zu formulieren, die nicht in der Dichotomie zwischen „konservativer“ Einzelbetreuung und „emanzipierter“ Sozialarbeit verharrt.
Schnittstellen mit dem National Health System (SUS)
Besonders wenn wir über die Schnittstellen der Psychologie mit dem National Health System (SUS) nachdenken, ist es dringend notwendig, uns zu fragen, was wir wollen und wie wir dazu beitragen können, eine „andere mögliche Welt“2 und eine andere öffentliche Gesundheit zu gestalten.
Die Geschichte der Psychologie zeigt oft eine Verbundenheit mit positivistischen Wissenschaften oder subjektivistischen Philosophien. Die humanistische Tradition trennt die Psychologie häufig von den Gesundheitswissenschaften. Zudem gibt es viele Trennungen zwischen verschiedenen Schulen oder zwischen Psychologie und Psychoanalyse, wobei jede das Subjekt als eigenen Untersuchungsgegenstand beansprucht.
Die Entpolitisierung der psychologischen Praxis
Der Diskurs über das Subjekt im Bereich der psychologischen Praxis wurde oft von einem Prozess der Entpolitisierung begleitet. Es entstand eine gesellschaftliche Dichotomie. Zwei Realitäten (intern/extern) werden in ständiger Artikulation, aber dennoch als getrennte Wirklichkeiten mit spezifischen analytischen Instrumenten betrachtet. Dies führt zur Aufrechterhaltung zweier separater Datensätze: dem Subjekt (Benevides, R., 2002) und dem Sozialen, dem Wunsch und der Politik (Guattari & Rolnik, 1986).
Es ist daher nicht verwunderlich, dass viele behaupten, Psychologie und Politik ließen sich nicht vermischen. Das vorherrschende Paradigma besagt, dass Wissenschaft und Politik getrennte Sphären seien und eine zuständige psychologische Praxis sich nicht mit politischen Fragen befassen sollte. Diese „Askese“ führt dazu, dass die psychologische Praxis mit abstrakten Themen arbeitet, die von ihrem Kontext und ihren existenziellen Ausdrücken entfremdet sind.
Die Produktion von Subjektivität und Politik
Es wäre richtiger zu sagen, dass auch diese Abgrenzung eine Form von Politik ist. Auf der einen Seite steht die Makro-Politik (das Unified Health System als staatliche Pflicht und Bürgerrecht), auf der anderen Seite die Prozesse der Produktion von Subjektivität. Durch die Gründung der Psychologie auf Dichotomien (Individuum vs. Gesellschaft, Klinik vs. Politik) wurde die Psychologie oft an den Rand der Debatte über das SUS gedrängt.
Ethische und politische Verpflichtungen
Wir müssen uns fragen, welche praktischen, ethischen und politischen Zusagen Psychologen in ihrem Handeln priorisieren. Dies ist eine Diskussion über Ethik und Politik. Wir müssen aktuelle Themen in ihrer transnationalen, globalen und lokalen Dimension (Brasilien) aufgreifen. Hierbei stellen sich zentrale Fragen:
- Wie kann man mit der Tradition der Psychologie brechen, die seit dem 19. Jahrhundert die Trennung zwischen Einzel-, Gruppen- und Sozialphären aufrechterhält?
- Wie denkt man über die Ausbildung von Psychologen in Zeiten der Trivialisierung sozialer Ungerechtigkeit? (Dejours, 1999)4
- Wie stärkt man eine berufliche Praxis, die mitverantwortlich für die Gesundheit des Einzelnen und der Allgemeinheit ist?
Klinik, Kollektiv und das Symptom
Wir müssen die Verbindungen zwischen dem zeitgenössischen Kapitalismus, der klinischen Praxis und der Produktion von Subjektivität hinterfragen. Die klinische Schnittstelle zur Politik zeigt uns Formen der Subjektivität als Produktionsprozesse und nicht als starre Gegebenheiten. Subjektivität ist plural und polyphon.
Das Symptom muss in zwei Dimensionen verstanden werden: Form und Festigkeit. Die klinische Intervention zielt darauf ab, erstarrte Formen zu destabilisieren, damit die Produktionskräfte der Wirklichkeit wieder sichtbar werden. Das Kollektiv ist hierbei kein Vertrag zwischen Individuen, sondern ein Plan der Produktion, der aus disparaten Elementen besteht. Klinik bedeutet in diesem Sinne: Experimentieren über das Kollektiv.
Drei ethische Prinzipien für die Psychologie im SUS
Folgende Prinzipien können zur Debatte über die Schnittstelle zwischen Psychologie und SUS beitragen:
| Prinzip der Untrennbarkeit: | Es ist unmöglich, das Klinische vom Politischen, das Individuelle vom Sozialen oder die Pflege von der Verwaltung zu trennen. Öffentliche Ordnung im SUS bedeutet, die kollektive Erfahrung als Ursprung des Einzelfalls zu begreifen. |
| Prinzip der Autonomie: | Psychologische Praxis muss mit der Welt und den Lebensbedingungen der Bevölkerung verknüpft sein. Ziel ist die Produktion autonomer Individuen, die als Co-Teilnehmer Verantwortung für ihr Leben übernehmen. |
| Prinzip der Transversalität: | Psychologie erklärt nichts isoliert. Sie steht in einem Verhältnis der Interdependenz mit anderem Wissen und anderen Disziplinen. Erfindung geschieht an den Grenzen des Wissens. |
Herausforderungen in der staatlichen Praxis
Die Achsen der Universalität und Vollständigkeit des SUS werden nur wirksam, wenn wir Wege finden, diese aktiv zu gestalten. Investitionen in Netzwerke, Co-Management und die Erhöhung der institutionellen Beteiligung sind notwendige Routen. In unserer Erfahrung im Exekutivsekretariat des Gesundheitsministeriums (MOH) standen wir vor der Herausforderung, öffentliche Politiken zu entwickeln, die diesen Prinzipien verpflichtet sind.
Wege zur sozialen Emanzipation
Wir wollten keine reine „Regierungspolitik“, sondern eine Richtung einschlagen, die über die bloße Verwaltung hinausgeht. Es galt, die Staatsmaschine so zu nutzen, dass Politiken der Autonomie und sozialen Emanzipation entstehen. Gesundheitspolitik erfordert die Schaffung von Räumen für öffentliche Verträge zwischen Nutzern, Mitarbeitern und Managern. Hier kann die Psychologie vermitteln.
Fazit: Psychologie als Widerstandsbewegung
Die Untrennbarkeit von Pflege und Verwaltung ist ein zentraler Pfad für Psychologen, die an einer „anderen möglichen Welt“ bauen wollen. Das SUS wurde als Gesundheitsreform aus dem Kampf gegen die Militärdiktatur und für Menschenrechte geboren. Es ist ein Widerstand gegen die Privatisierung von Gesundheit und Leben. Es liegt an uns Psychologen zu entscheiden, welcher Bewegung wir uns anschließen und wie wir die Allianz zwischen Psychologie und Politik gestalten.