Der Realismus und Naturalismus in der spanischen Literatur

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Der Realismus in der spanischen Literatur

Der Realismus etablierte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wie üblich kam diese Strömung mit einer gewissen Verzögerung nach Spanien. Während die Meister des europäischen Realismus – mit Ausnahme der russischen Autoren – ihre bedeutendsten Werke bereits vor 1850 veröffentlicht hatten, festigte sich der Realismus in Spanien erst mit dem Erscheinen von La Fontana de Oro von Benito Pérez Galdós.

Dennoch fand der Realismus in Spanien eine Reihe von Vorläufern, die seinen Erfolg begünstigten: Übersetzungen ausländischer Werke, die realistische Tradition des Goldenen Zeitalters sowie die Costumbrismo-Bilder (Sittenbilder) der ersten Jahrhunderthälfte.

Merkmale des literarischen Realismus

In der Literatur ist der Realismus durch folgende Punkte gekennzeichnet:

  • Interesse an der Realität: Strenge Beobachtung des Lebens und Dokumentation. Stendhal definierte den Roman treffend als „einen Spiegel, der entlang einer Straße spazieren geführt wird“.
  • Sittenbild: Die großen Romanciers schufen ein umfassendes Fresko der damaligen Wirklichkeit. Dies führte zu einem Boom des regionalen Romans, bei dem Autoren ihre Handlungen bevorzugt in ihre eigene Heimatregion verlegten (z. B. Clarín und Palacio Valdés in Madrid und Asturien, Pardo Bazán in Galizien, Alarcón und Valera in Andalusien, Pereda in Santander, Blasco Ibáñez in Valencia).
  • Psychologische Charakterzeichnung: Viele Romane konzentrieren sich auf die detaillierte Studie des Verhaltens und der Motivationen einzelner Figuren.
  • Soziale oder moralische Zielsetzung: Nach der Beobachtung und Beschreibung der Realität folgt eine kritische Haltung gegenüber gesellschaftlichen Mängeln. Dies spaltete spanische Autoren in zwei Gruppen:
    • Diejenigen, die die moderne, materialistische und gottlose Gesellschaft für alle Übel verantwortlich machten und eine Rückbesinnung auf traditionelle Werte (Familie, Religion, Autorität) forderten (z. B. Alarcón, Pereda).
    • Diejenigen, die die traditionelle, abergläubische Gesellschaft als Hindernis für Fortschritt und Freiheit sahen (z. B. Clarín, Galdós, Pardo Bazán).
  • Objektivitätsanspruch: Der Autor tritt scheinbar als neutraler Reporter auf, der nur wiedergibt, was er sieht. In der Realität bleibt der Autor jedoch allwissend und kommentiert das Geschehen.
  • Stil: Abkehr von der bombastischen Rhetorik der Romantik hin zu einer detaillierten, an die jeweilige Figur angepassten Umgangssprache.
  • Themen: Zeitgenössische Probleme der städtischen Mittelschicht (Beruf, Wirtschaft, Liebe).

Radikalisierung: Der Naturalismus

Später radikalisierten sich diese Merkmale im sogenannten Naturalismus. Nach Émile Zola, dem Begründer dieser Strömung, sollte der Roman nicht nur die Realität beobachten, sondern experimentell untersuchen. Der Mensch wird hierbei als ein Wesen betrachtet, das durch physikalische Gegebenheiten (genetisches Erbe, Erziehung, sozialer Druck) determiniert ist. Die Naturalisten platzierten ihre Charaktere in Extremsituationen, um deren Verhalten durch diese Faktoren zu erklären – oft anhand von Randfiguren wie Alkoholikern oder Psychopathen.

Der Naturalismus in Spanien

In Spanien adaptierte Emilia Pardo Bazán die Theorie des Naturalismus in ihrer Artikelserie La cuestión palpitante. Sie lehnte den strikten Determinismus und die materialistischen Grundlagen der Schule im Namen eines christlichen Menschenbildes ab. Dennoch verteidigte sie das Recht des Künstlers, auch „unbequeme“ Realitäten darzustellen: die Schilderung trüber Milieus, robuster Situationen und die Betonung sozialer Konditionierung als notwendiges Mittel der dokumentarischen Wirklichkeitswiedergabe.

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