Die Reformation: Martin Luther und die Spaltung der Kirche

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Die vorreformatorische Welt

Die Fortschritte in den politischen Theorien und die Etablierung nationaler Monarchien führten dazu, dass der Papst die Kontrolle und den Einfluss auf die verschiedenen Staaten der Christenheit verlor. Dies geschah in dem Maße, in dem es den Fürsten gelang, die Christen zu vereinen, während die muslimischen Türken Europa religiös bedrohten. Der Papst besaß in seiner weltlichen Macht nur wenige Gebiete auf der italienischen Halbinsel, den Kirchenstaat. Dort musste er seine Unabhängigkeit bewahren und als Politiker im Kampf der verschiedenen europäischen Staaten um die Vorherrschaft in Italien agieren, um Bedrohungen abzuwenden. Vielleicht war dieser Umstand der Grund dafür, dass erstmals italienische Päpste gewählt wurden – genau um zu verhindern, dass eine andere Nationalität die Stabilität des Kirchenstaates gefährdet. Auch der Klerus hatte einen Teil seiner religiösen Tiefe verloren, die das Mittelalter geprägt hatte. Eine große Zahl von Bischöfen wurde erst zum Zeitpunkt ihrer Amtseinführung ordiniert; andere waren gezwungen, sich in den verschiedenen politischen Bereichen als Politiker zu betätigen, und fast jeder führte ein Leben im Luxus – im Gegensatz zur Armut und Strenge des alten monastischen Lebens. Die Übel der Zeit spiegelten sich in der Kirche wider und öffneten eine tiefe Kluft zwischen ihren geistlichen Zielen und dem Verhalten ihrer hochrangigen Vertreter.

Luthers Reformation

Ablässe und die Anfänge des Konflikts

In dieser Krisenatmosphäre entwickelte sich die Frage einer Reform bald über die rein religiöse Entwicklung hinaus zu einer politischen Angelegenheit. Im Jahre 1517 beschloss Papst Leo X., die St.-Peters-Basilika zu bauen, und gewährte Ablässe, um die enormen Ausgaben dieses monumentalen Werks zu decken. Ablässe waren ein Mechanismus, bei dem Gläubige der Kirche Almosen gaben und im Gegenzug Gnade und geistliche Vorteile erhielten, insbesondere den vollständigen oder teilweisen Erlass ihrer Sündenstrafen oder die Erlösung aus den Schmerzen des Fegefeuers (Purgatorium). In dieser Zeit wurden die Ablässe zu einem Skandal, den Luther unverzüglich anprangerte. Am 31. Oktober 1517 erschienen an der Tür der Schlosskirche zu Wittenberg Luthers 95 Thesen. Diese verurteilten nicht nur Unregelmäßigkeiten beim Ablasshandel, sondern stellten die Macht der Kirche infrage, diese überhaupt zu gewähren – was bereits an Ketzerei grenzte. Papst Leo X. versuchte, Luther von seinen Fehlern zu überzeugen, und sandte den päpstlichen Nuntius Karl von Miltitz zu einem Gespräch mit dem Reformator nach Leipzig. Doch dieses Treffen und die Disputationen führten zu keinem Ergebnis, außer dass Luther seinen Angriff ausweitete und die Autorität des Papstes und der Konzilien bestritt. Da Luther sich weigerte zu widerrufen, exkommunizierte ihn Papst Leo X.

Martin Luther und seine Lehre

Luther wurde 1483 in Eisleben geboren. Er studierte an der Universität Erfurt und trat im Jahr 1505 in dieser Stadt dem Augustinerorden bei. Im Jahre 1512 übernahm er den Lehrstuhl für Theologie an der Universität Wittenberg. Luther war ein Mann mit einem gequälten Geist. Er sah einen tiefen Widerspruch zwischen der von den Bischöfen und dem Klerus gepredigten Moral und dem luxuriösen Leben, das einige Mönche und Kirchenfürsten führten. Dies war für ihn der Beginn einer reformatorischen Haltung gegenüber der Kirche. Daraus entwickelte sich schnell eine Reihe heftiger Angriffe gegen die Kirche und den Papst, ihr sichtbares Oberhaupt, den er als eine für das Christentum verhängnisvolle Autorität ansah, da dieser Kriterien aufzwang, die von der Gemeinschaft der Gläubigen nicht beurteilt oder kritisiert werden durften. Der lutherische Gedanke basiert auf der Vorstellung, dass das Heil allein bei Gott liegt. In diesem Zusammenhang schließen die Gläubigen einen Bund des Glaubens mit Gott; wenn sie wahrhaft glauben, erhalten sie die Vergebung ihrer Sünden. Nach diesen Ansätzen kam Luther zu dem Schluss, dass äußere Werke lediglich ein Mittel zur Ehre Gottes seien. Er betonte, dass das bloße Verhalten eines Menschen ihm kein göttliches Mitgefühl einbringt, es sei denn, es ist von einem tiefen Glauben an Gott begleitet. Es genügt daher der Glaube, um gerettet zu werden.

Die wichtigsten Punkte der lutherischen Lehre sind:

  • Unfähigkeit zur Selbsterlösung: Der sündige Mensch ist aufgrund der Erbsünde völlig unfähig, sich selbst zu retten.
  • Glaube statt Werke: Gute Werke sind nicht notwendig für die Erlösung. Das einzige Mittel des Heils ist der Glaube (Rechtfertigung allein durch den Glauben). Dies widerspricht der katholischen Lehre, welche die Notwendigkeit und den Wert guter Werke betont.
  • Freie Schriftauslegung (Sola Scriptura): Jeder Gläubige hat die Autorität, die Heilige Schrift selbst zu interpretieren. Die Tradition der Kirche als dogmatische Quelle wird abgelehnt, ebenso wie die alleinige Auslegungshoheit der Kirche.
  • Reduzierung der Sakramente: Es werden nur die Taufe und das Abendmahl (Eucharistie) beibehalten.
  • Abschaffung des Heiligenkultes: Der Kult um die Jungfrau Maria, die Heiligen und Reliquien sowie Bilder wird abgelehnt.
  • Verneinung von Ablass und Fegefeuer: Der Wert von Ablässen und die Existenz des Fegefeuers werden geleugnet.

Ausbreitung des Luthertums in Deutschland

Nach dem Tod von Kaiser Maximilian fiel die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches an den Enkel von Ferdinand und Isabella: Karl I. von Spanien (Kaiser Karl V.). Seine selbstgewählte Aufgabe war es, ein Verbündeter des Papstes und Verteidiger der Kirche zu sein. Im Jahre 1521 berief der Kaiser den Reichstag zu Worms ein (eine deutsche Ständeversammlung ähnlich einem Parlament), um von Luther den Widerruf seiner Thesen zu fordern. Luther weigerte sich, woraufhin ihn ein kaiserliches Edikt mit der Reichsacht belegte. Luther fand Zuflucht auf der Wartburg, doch seine Ideen hatten sich bereits in ganz Deutschland verbreitet. Zuerst die Bürger im Süden und später der Adel im Norden wurden zu entschlossenen Verteidigern Luthers. Für die Fürsten bot die Reformation eine willkommene Gelegenheit, Kirchenbesitz zu säkularisieren (zu beschlagnahmen), die kirchlichen Einnahmen einzuziehen, die Autorität der Kirche zu schwächen und so die eigene Macht und den Einfluss über ihre Untertanen zu stärken. Da Karl V. jedoch im Krieg mit Franz I., dem König von Frankreich, stand, konnte er nicht energisch gegen die rebellischen deutschen Fürsten vorgehen, welche die verurteilten Ideen Luthers verteidigten. Angesichts dieser Lage wurde 1529 der Reichstag zu Speyer einberufen. Dort einigte man sich in Erwartung eines künftigen Konzils darauf, das Luthertum in den Regionen, in denen es bereits bestand, zu dulden, verbot jedoch seine weitere Ausbreitung in andere Gebiete. Die lutherischen Reichsstände protestierten gegen diesen Beschluss – von diesem Ereignis leitet sich der Begriff 'Protestanten' ab. Im folgenden Jahr versuchte Karl V. erneut, eine friedliche Einigung zu erzielen, und berief dazu den Reichstag zu Augsburg ein. Doch auch diese Versöhnungsversuche blieben vergeblich. Im Jahr 1531 schlossen sich die protestantischen deutschen Fürsten im Schmalkaldischen Bund zusammen, um sich dem Kaiser entgegenzustellen. Bis 1544 gewannen die rebellischen Fürsten und mit ihnen das Luthertum stetig an Boden. Doch in diesem Jahr endete der französisch-spanische Krieg, und Karl V. führte seine Truppen gegen den Schmalkaldischen Bund, den er 1547 in der Schlacht bei Mühlberg besiegte. Dennoch verhinderte die anhaltende Bedrohung durch die Türken, dass der Kaiser den Protestantismus dauerhaft mit Gewalt unterdrücken konnte. Schließlich erlangten die Protestanten im Augsburger Religionsfrieden (1555) die offizielle Anerkennung ihrer Konfession in den Gebieten, in denen sie sich etabliert hatte. Nach dem Grundsatz 'cuius regio, eius religio' (wessen Land, dessen Religion) bestimmte fortan der jeweilige Landesfürst die Religion seiner Untertanen. Von diesem Zeitpunkt an breitete sich das Luthertum rasch in weiten Teilen Nord- und Mitteleuropas aus.

Die Reformation außerhalb Deutschlands

Nach Luthers Tod im Jahr 1546 radikalisierte sich die protestantische Bewegung außerhalb Deutschlands weiter. Herausragend unter den Reformatoren war der Schweizer Pfarrer Ulrich Zwingli, Leutpriester am Grossmünster in Zürich, der Luthers Ideen weiterentwickelte und die politische Bedeutung des Evangeliums betonte. Beeinflusst von den Ideen Luthers und Zwinglis begründete der Franzose Johannes Calvin (Jean Calvin) in Genf eine neue, kompromisslose Strömung des Protestantismus: den Calvinismus. Dieser plädierte im Namen religiöser Prinzipien für eine strikte moralische Kontrolle des öffentlichen und privaten Lebens. Das markanteste Merkmal des Calvinismus ist die Prädestinationslehre (Vorherbestimmung). Nach diesem Prinzip weiß Gott, der allwissend ist, bereits im Voraus, wer gerettet und wer verdammt wird. Daher spielen die eigenen Taten scheinbar keine Rolle: Wer zur Verdammnis bestimmt ist, wird verdammt, ungeachtet seines Handelns. Wer jedoch ein strenges, gottesfürchtiges Leben führt und einen starken Glauben zeigt, darf dies als Zeichen dafür werten, dass er zur Rettung auserwählt ist. Dies erklärt den Eifer und die Disziplin dieser Gruppen. Wie das Luthertum erkennt auch der Calvinismus nur die Sakramente der Taufe und des Abendmahls (Eucharistie) an.

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