Soziologische Theorien in der Sozialen Gruppenarbeit
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Angesichts der „Grand Theory“ von Parsons fordert Merton eine Theorie mittlerer Reichweite (Mid-Level-Theory), die sich auf die Analyse eines beschränkten Gebiets sozialer Erscheinungen konzentriert. Dies begünstigt die Schaffung korrekter Verbindungen zwischen theoretischer und empirischer Forschung.
Konfliktheorie
Ihr Hauptvertreter ist Ralf Dahrendorf. Für ihn weist die Gesellschaft stets zwei Aspekte auf: Konflikt und Konsens.
Die Konflikt- und Konsensprozesse sind miteinander verknüpft. Daher widmete er seine Bemühungen der Entwicklung einer Konflikttheorie auf der Grundlage einer Autoritätsanalyse: Der strukturelle Ursprung von Konflikten liegt in der Zuweisung sozialer Rollen und den damit verbundenen Erwartungen an die Herrschaft. Das heißt, die Autorität liegt in den Positionen, die Personen besetzen, nicht in den Personen selbst. Das Objekt der Konflikttheorie ist es, den Konflikt zwischen diesen Positionen zu analysieren. Ausgehend vom Interessenkonflikt zwischen Herrschenden und Beherrschten sowie der Bildung von Interessengruppen analysiert er sogenannte „Konfliktgruppen“ sowie die Prozesse von Konflikt und Wandel.
Er behauptete, dass Konfliktgruppen, sobald sie etabliert sind, Aktionen einleiten, die Veränderungen in der Sozialstruktur verursachen. Wenn der Konflikt akut ist, sind die Änderungen radikal; wird er von Gewalt begleitet, erfolgt der strukturelle Wandel plötzlich. Unabhängig von der Art des Konflikts müssen Soziologen die Beziehung zwischen Konflikt und Wandel sowie das Verhältnis zwischen Konflikt und dem Status quo berücksichtigen.
Dieser Ansatz hat die Entwicklung der Sozialen Arbeit (SA) mit Gruppen als wissenschaftliche Disziplin geprägt. Das richtige Management von Konflikten, die Rolle von Autorität und Führung in der Gruppe sowie persönliche und gruppenspezifische Veränderungen sind entscheidend für die Entwicklung des Gruppenlebens. Diese Faktoren sollten berücksichtigt werden, wenn die von den Teilnehmern, den Sozialarbeitern und der Gruppe gesetzten Ziele erreicht werden sollen.
Symbolischer Interaktionismus
Bei der Analyse der Gruppendynamik sieht sich die Sozialarbeiterin mit drei Arten von Problemen konfrontiert: jenen im Zusammenhang mit der Struktur der Gruppe (wie Struktur und Zusammenhalt), jenen, die aus Konflikt und Wandel innerhalb der Gruppe resultieren, und jenen im Zusammenhang mit den Interaktionen zwischen den Teilnehmern, die auf Sprache basieren.
Der symbolische Interaktionismus und die Ethnomethodologie haben in dieser Hinsicht einen bedeutenden Einfluss auf die Soziale Arbeit mit Gruppen ausgeübt, da sie sich auf kommunikative Praktiken auf der Mikroebene konzentrieren.
Herbert Blumer prägte den Begriff „symbolischer Interaktionismus“ auf der Grundlage einer Neuinterpretation der Arbeit von George Herbert Mead, die posthum durch seine Schüler veröffentlicht wurde und eine Analyse der Person als soziales Wesen entwickelt.
Unterschiede in den Werken der beiden liegen im individualistischen Charakter der Theorie von Blumer gegenüber den gemeinschaftlichen Postulaten Meads. Für Mead liegt die soziale Dimension der Person in der Kommunikation. In diesem Prozess drückt sich die Person aus, erkennt sich selbst im Prozess der Interaktion und erkennt den anderen an, indem sie dessen Sicht auf sich selbst und die Realität übernimmt. Sozialisation ist aus der Sicht Meads ein interaktiver Prozess, in dem jeder Mensch durch die Internalisierung allgemeiner Handlungsmuster eine Selbstregulierung vornimmt, während er gleichzeitig in der Lage ist, diese zu beurteilen und eine ständige Kontrolle auszuüben. Der Mensch „wird in dem Maße zur Person, in dem er die Haltung und Handlung anderer gegenüber sich selbst übernimmt“.
Für Mead bezieht sich die Beziehung zwischen Persönlichkeit und Gesellschaft – also die Beziehung zwischen dem „Ich“ (I) und dem „Mein“ (Me) – speziell auf Akteure, die in ihrer Wechselwirkung ihre eigene Psychologie und die intersubjektive Wirklichkeit global verändern. Das „Selbst“ ist die Persönlichkeit des sozialen Individuums, die in zwei Phasen dialektisch strukturiert ist: Das „Ich“ (die Reaktion des Körpers auf die Handlungen anderer) und das „Mein“ (die organisierte Gruppe von Haltungen anderer, die man einnimmt). In diesem Sinne ist das „Ich“ das schöpferische Element und das „Mein“ das soziale Element, das dem „generalisierten Anderen“ entspricht. Im „Ich“ leben die kreativen Aspekte des Selbst und die Quelle der Innovation, während im „Mein“ die verinnerlichten Haltungen und Normen der anderen existieren. Daher ist im „Mein“ die soziale Kontrolle verortet.
Folglich existiert die Persönlichkeit nicht vor der sozialen Interaktion. Durch die Übernahme von Rollen organisieren wir unsere Erfahrungen und entwickeln durch die Perspektive des generalisierten Anderen abstraktes Denken und Objektivität.
Theoretische Grundlagen nach Blumer
Blumer formulierte Meads Arbeit neu. Sein Hauptziel ist die Analyse von Symbolen, die die Wechselwirkung vermitteln. Die wichtigsten theoretischen Vorschläge sind:
- Die Kreativität des Subjekts und seine Fähigkeit zur Interaktion.
- Die soziale Ordnung ist abhängig von wiederkehrenden Verhaltensweisen, die auf identischen Auslegungen basieren. Sozialer Wandel ist möglich, weil Menschen ihre Aktionen definieren und neue Werte schaffen.
- Bedeutungen entstehen in einem Prozess der Zuschreibung gegenüber der Umwelt und den Handlungen anderer. Jedes Objekt kann je nach Beziehung der Person unendlich viele Bedeutungen haben.
- Gemeinsames Handeln basiert auf früheren Rahmenbedingungen, die historisch gewachsen sind und durch die Praxis transformiert werden.
Dramaturgische Perspektive und Ethnomethodologie
Erving Goffman, ein Schüler Blumers, entwickelte eine dramaturgische Perspektive, die auf der Spannung zwischen individuellen Wünschen und sozialen Erwartungen basiert. Er betrachtete das soziale Leben als eine Serie von Theateraufführungen. Goffman interessierte sich besonders für Face-to-Face-Interaktionen, bei denen Menschen physisch anwesend sind. Für ihn folgen Menschen nicht nur einem vorgegebenen Skript, sondern versuchen aktiv, ihr Publikum zu beeinflussen.
Goffmans Werk zeichnet sich durch die Verweigerung einer systematischen „Grand Theory“ aus. Dennoch haben seine Schriften die Sozialwissenschaften und speziell die Soziale Arbeit mit Gruppen stark beeinflusst.
Aus einer anderen Perspektive konzentrieren sich Ethnomethodologen auf das Studium des „gesunden Menschenverstandes“ und der Verfahren (Methoden), durch die Mitglieder der Gesellschaft ihre Umstände verstehen und entsprechend handeln.
Der Hauptvertreter dieses Trends ist Harold Garfinkel, der eine dreifache Forschungsaufgabe aufstellte:
- Untersuchung des impliziten Wissens, das Menschen nutzen, um der Realität Sinn zu verleihen.
- Soziale Ordnung als Ergebnis gemeinsamer Interpretationsverfahren.
- Handeln basiert auf der Fähigkeit, Antworten anderer vorherzusehen (Theorie der Gegenseitigkeit).
Soziale Interaktion und Herausforderungen
Wir leben in einer Gesellschaft, die durch technologische Innovation und die Anpassung sozialer Interaktionsformen an neue Kontexte geprägt ist. Dies erfordert größere soziale Fähigkeiten und Anpassungsfähigkeit, während gleichzeitig die Instabilität im Arbeits- und Familienleben zunimmt. All dies geschieht in einem Kontext der Individualisierung, in dem soziale Bindungen schwächer werden.
Hier gewinnt die Soziale Arbeit mit Gruppen an Bedeutung, da sie es ermöglicht, die Fähigkeit zur sozialen Interaktion zu stärken oder wiederherzustellen.
Interaktion im neuen Gesellschaftsmodell
Im Zeitalter beschleunigter sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Veränderungen stellt sich die zentrale Frage: Wie kann soziale Inklusion in einem ungewissen Szenario erreicht werden?
Für Ulrich Beck ist es notwendig, neue Kategorien für aufkommende Probleme zu entwickeln, da klassische Strategien der Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts obsolet geworden sind. Er entwickelte hierfür den Begriff der „Risikogesellschaft“: Eine Gesellschaft, in der die Logik der Gefahrenproduktion die Logik der industriellen Güterproduktion dominiert.
Die Analyse der aktuellen Veränderungen und zukünftigen Trends muss soziale Machtstrukturen, Bürokratien und Regeln berücksichtigen.
Die Risikogesellschaft (oder Soziologie des Risikos) ist die soziologische Synthese eines historischen Moments der Moderne, in dem tradierte Kerne verloren gehen, was zu neuen Debatten und Herrschaftsstrategien führt. Es handelt sich um eine postindustrielle Gesellschaft, in der sich das Kräfteverhältnis wesentlich geändert hat. Der erste Theoretiker, der diesen Wandel beschrieb, war Ulrich Beck in seinem Buch „Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne“ (1986). Er präsentierte Veränderungen, welche die Sozialwissenschaften zuvor nicht ausreichend berücksichtigt hatten und die einen großen Einfluss auf jüngere Generationen ausüben.