Spanische und lateinamerikanische Literatur des 20. Jahrhunderts

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Die Struktur der Erzählung: Das Beispiel Madrid 1942

Die Handlung bricht in viele kleine Geschichten auf: Es entsteht ein Bild von sich kreuzenden Lebenswegen, ähnlich wie Bienen in einem Bienenstock (La Colmena). Der räumliche Kontext ist dabei sehr präzise gewählt: Madrid an einigen Tagen des Jahres 1942. Der Autor versucht, von einem objektiven Standpunkt aus und mit größtmöglichem Realismus die spanische Gesellschaft dieser Zeit widerzuspiegeln – vor allem die Welt der unteren Mittelschicht sowie Menschen in armen und instabilen Situationen.

Der Wille zur Neutralität des Autors äußert sich auf zwei Arten: In den meisten Fällen wird die objektivistische Technik angewandt, das heißt, es wird nur das Äußere beschrieben, ohne in das Innere der Figuren einzudringen. Manchmal jedoch nimmt der Erzähler eine allwissende Perspektive ein und kommentiert ironisch das Verhalten der Charaktere oder behandelt sie mit Verachtung und sogar Grausamkeit. Dies richtet sich vor allem gegen die Mächtigen, welche die Schwachen missbrauchen. So wird Doña Rosa, die autoritäre und egoistische Besitzerin der Bar, mit Antipathie beschrieben, während Figuren wie Martín Marco oder die Frauen im Bordell eine bevorzugtere Behandlung erfahren.

Miguel Delibes: Ästhetik der frühen Romane

Miguel Delibes (geboren 1920) prägte die spanische Literatur nachhaltig. Sein Werk La sombra del ciprés es alargada (Der Schatten der Zypresse ist lang) wurde im Jahr 1947 veröffentlicht. In diesem Roman dominieren die Themen Tod und Kindheit. Später erschien El camino (Der Weg), in dem das Erwachen eines Kindes zum Leben mit dem Vergleich zwischen dem Leben auf dem Land und dem Leben in der Stadt verknüpft wird. In La hoja roja (Das rote Blatt) und Las ratas (Die Ratten) behandelte er verstärkt soziale Fragen wie Armut und den Ruhestand.

Fünf Stunden mit Mario

Dieses Werk wird von Kritikern als Delibes' Meisterwerk angesehen. Es basiert auf dem inneren Monolog von Carmen, einer Frau aus der Mittelschicht, die gerade an der Leiche ihres Ehemannes Mario wacht. Das besondere Verdienst dieses Romans liegt darin, dass der Leser beginnt, sich mit Mario zu identifizieren, obwohl er nur durch den kritischen Blick von Carmen dargestellt wird. Dieser Prozess erfolgt spontan und glaubwürdig durch einen Diskurs, der getreu die Umgangssprache wiedergibt. Der Kontrast zwischen Mario und Carmen spiegelt zudem den Gegensatz wider, der zwischen dem traditionellen und dem progressiven Spanien existierte.

Spätere Romane

Mit Parábola del náufrago (Gleichnis vom Schiffbruch) unternahm Delibes einen flüchtigen Streifzug durch die experimentelle Parodie formaler Strukturen. Später kehrte er jedoch wieder zu seinen gewohnten Themen und seinem klassischen Stil zurück, wie in El príncipe destronado (Der entthronte Prinz), Las guerras de nuestros antepasados (Die Kriege unserer Vorfahren) oder Los santos inocentes (Die heiligen Unschuldigen).

Lateinamerikanische Literatur des 20. Jahrhunderts

Die realistische Erzählung

Der realistische Roman in Lateinamerika ist das Werk von Autoren, die ein Bewusstsein für die Originalität ihrer geografischen Umgebung entwickelten. Er ist eine Reaktion auf den Exotismus des Modernismus. Eine der Grundlagen dieses realistischen Romans ist der Kampf des Menschen gegen seine Umwelt. Es lassen sich zwei Trends unterscheiden:

  • a) Soziale und politische Fragen: Diese Werke prangern die Marginalisierung der indigenen Bevölkerung und ihre Ausbeutung durch die Weißen an.
  • b) La Novela de la Tierra (Der Roman der Erde):
    • José Eustasio Rivera: La Vorágine (Der Wirbelsturm) konzentriert sich auf die Konfrontation zwischen Mensch und Dschungel.
    • Rómulo Gallegos: Doña Bárbara verkörpert den Konflikt zwischen Zivilisation und Barbarei.
    • Ricardo Güiraldes: Don Segundo Sombra.

Erweiterung der Erzählung (1940–1960)

Mehrere Ursachen lösten diesen Prozess aus: Nach dem Spanischen Bürgerkrieg ließen sich viele spanische Schriftsteller und Verleger in lateinamerikanischen Ländern nieder. Während des Zweiten Weltkriegs taten dies auch Intellektuelle aus verschiedenen europäischen Ländern. Zudem assimilierten zurückkehrende lateinamerikanische Intellektuelle die europäischen Avantgarden der zwanziger und dreißiger Jahre.

Jorge Luis Borges: Themen und Sprache

Jorge Luis Borges gilt als einer der bedeutendsten Autoren dieser Ära. Seine Werke zeichnen sich durch spezifische Themen aus:

  • Die illusionäre Natur der Realität: Fiktion und Realität kollidieren miteinander.
  • Das Geheimnis der Identität: Basierend auf der Idee, dass jeder Mensch Gott ist, oder der Darstellung von Doppelgängern und der Reinkarnation aus früheren Leben.
  • Die Welt als Labyrinth: Der Mensch geht darin ziellos verloren.
  • Konzeption der zirkulären Zeit: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vermischen sich.

Die Sprache als Metasprache

Borges ist ein Forscher der Sprache. Im Vorwort zu seinem Buch La moneda de hierro (Die eiserne Münze) sagt er, dass jedes Wort, obwohl es nur ein Zeichen ist, voller Bedeutung steckt. Eine leere Seite zu beginnen, gefährdet die Zukunft. Das Wort selbst begleitet den Menschen seit vielen Jahren und hat die Macht, etwas mitzuteilen oder eine Innovation darzustellen. Ein Wort kann über seine Entwicklung hinweg viele Bedeutungen annehmen.

Gelehrsamkeit und argentinische Identität

Sein literarisches Schaffen deckt ein breites kulturelles Panorama ab, das weit über die Philosophie Spinozas hinausgeht. Seine Belesenheit nutzt er, um kreative Ebenen zu mischen und den Leser in eine faszinierende Welt zu entführen. Dabei geht es ihm auch um ein Bewusstsein für die argentinische Identität (Argentinidad), die er an die Universalität anbindet, ohne den Gaucho oder die eng mit der Geschichte verbundene Vorstellung vom Menschen zu vergessen.

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