Die spanische Renaissance: Literatur und Kultur im Siglo de Oro
Eingeordnet in Spanisch
Geschrieben am in
mit einer Größe von 7,6 KB
Das spanische Renacimiento im 16. und 17. Jahrhundert
Im 16. und 17. Jahrhundert dominierte Spanien weite Teile Europas. Das Renacimiento (Renaissance) und der Barock bildeten das sogenannte Golden Age (Siglo de Oro), eine Ära großer Pracht in Kunst und Literatur. Diese ideologische und künstlerische Bewegung entstand in Italien und ließ die klassische Welt wiedergeboren werden. Sie produzierte tiefgreifende historische, soziale, religiöse und kulturelle Veränderungen.
Die Entstehung des modernen Imperiums
Neue Perspektiven eröffneten sich durch die Schaffung des Empires: Die Eroberung Granadas durch die Reyes Católicos im Jahr 1492 markierte die Einheit Spaniens. Es folgten die Annexion Navarras (1512) und die Entdeckung Amerikas. Mit dem Aufstieg einer neuen Dynastie unter Karl I. (Carlos I) aus dem Hause Habsburg (Austrias) traten Österreich, Frankreich, die Benelux-Staaten und Norditalien unter die spanische Krone. Spanien wurde zur ersten Weltmacht. Sein Sohn, Philipp II., erbte zudem die Krone Portugals.
Geografische Entdeckungen und gesellschaftlicher Wandel
Geografische Entdeckungen und maritime Abenteuer wurden durch nautischen und technischen Fortschritt sowie aktuelles Wissen (z. B. den Kompass) ermöglicht. Während das Mittelalter zu Ende ging, blieb die Bourgeoisie (das Bürgertum) intakt. Stadtentwicklung, Handel und Bankwesen führten zu einem Erstarken des Bürgertums. Während die Arbeit von Juden geschätzt wurde, betrachtete die Hidalguía (der niedere Adel) diese oft mit Verachtung.
Reformation, Gegenreformation und die Inquisition
Die Reform begann, als Martin Luther 1519 vorschlug, die evangelische Kirche zu reformieren. Heinrich VIII. spaltete sich ebenfalls ab, was Europa teilte. Dies markierte den Anfang der Gegenreformation. In Spanien herrschte die Inquisition; Juden und Muslime wurden vertrieben. Die Sorge um die „Reinheit des Blutes“ (limpieza de sangre) prägte die Gesellschaft tiefgreifend.
Philosophie: Vom Platonismus zum Humanismus
Die Scholastik wurde überwunden und durch den universellen Platonismus ersetzt. Man passte die Lehren von Aristoteles an. Die Ideen der Renaissance folgten Platon: Schönheit wird als Materie betrachtet, die die göttliche Schönheit widerspiegelt und dazu führt, Gott zu lieben. Die kastilische Sprache wurde als Literatursprache festgesetzt und gefördert.
Der Humanismus und das Ideal des Hofmanns
Der Humanismus italienischen Ursprungs widmete sich dem Studium klassischer Sprachen. Dichter wie Francesco Petrarca versuchten, die Reinheit des lateinischen Stils (das Erbe von Horaz und Cicero) wiederzuerlangen. Der Humanismus stellt den Menschen in das Zentrum (Anthropozentrismus), ohne die Gottheit zu leugnen. Er betont die Entwicklung menschlicher Qualitäten und das Genießen irdischer Freuden.
Es gab zwei wesentliche Aspekte:
- Erasmismus: Eine innige Religiosität, die Kritik an Reliquienverehrung, Prozessionen und Fasten übte (einflussreich in Werken wie Don Quijote und Lazarillo de Tormes).
- Der Hofmann (Il Cortegiano): Nach Baldassare Castiglione das Modell des Renaissance-Menschen. Er strebt nach der Entwicklung von Tugenden, dem Gleichgewicht von Leib und Seele, Eleganz, Einfachheit und Natürlichkeit.
Kontraste: Theozentrismus versus Anthropozentrismus
Die Epoche ist geprägt von einem starken Kontrast:
- Theozentrismus: Gott im Zentrum, die Bibel als Grundlage, Gebet als Lebensweg zum Himmel, geistige Meditation und anonyme Künstlerkollektive.
- Anthropozentrismus: Das Universum und die Natur als Kultobjekte, griechisch-römische Mythen und das Genießen irdischer Freuden. Die individuelle Freiheit und Verantwortung werden hervorgehoben; Künstler signieren ihre Werke und beanspruchen Urheberschaft.
Die Lyrik der ersten Renaissance
In der ersten Renaissance (unter Karl I.) herrschte der italienische Einfluss vor. Es kam zur Erweiterung poetischer Formen durch zwei Trends: Das griechisch-römische Erbe der italienischen Dichtung (Boscán und Garcilaso de la Vega) und die traditionelle kastilische Dichtung (Cristóbal de Castillejo). Im 16. Jahrhundert blieb die Romance-Form auch unter Philipp II. bestehen.
Garcilaso de la Vega und die neue Poesie
Garcilaso de la Vega war der einflussreichste Dichter dieser Zeit. Zusammen mit Juan Boscán führte er italienische Versmaße in die spanische Lyrik ein.
Metrik, Themen und Stil der neuen Lyrik
Die Metrik ersetzte alte mittelalterliche Verse durch den Endecasílabo (Elf-Silber), oft kombiniert mit Heptasílabos (Sieben-Silber). Beliebte Formen waren das Sonett, die gefesselte Terzine, die Lira und die Silva.
Die Themen umfassten:
- Liebe: Die Hingabe an eine unerreichbare Geliebte, Melancholie und Schmerz.
- Natur: Idealisierte Landschaften als Reflexion der Gefühle (Locus Amoenus).
- Mythologie: Rückgriff auf die Antike und das Carpe Diem-Motiv.
Der Stil war natürlich und strebte nach Harmonie, Eleganz und Einfachheit. Garcilaso de la Vega verkörperte das Ideal des höfischen Ritters und Soldaten, der für Karl I. kämpfte.
Die traditionelle Lyrik und Cristóbal de Castillejo
Parallel dazu blieb die traditionelle Lyrik (Acht-Silber, Pie Quebrado) bestehen. Cristóbal de Castillejo war ihr wichtigster Vertreter, der die traditionellen kastilischen Genres pflegte und sich gegen die kosmopolitische Erneuerung wehrte.
Die Lyrik der zweiten Renaissance
Unter der Herrschaft von Philipp II. isolierte sich Spanien kulturell stärker (Gegenreformation). Es entstanden zwei Hauptschulen:
- Schule von Salamanca: (Fray Luis de León) Geprägt durch Reflexion, religiös-moralische Fragen, Gleichgewicht und kurze Strophen.
- Schule von Sevilla: (Fernando de Herrera) Aristokratisch geprägt, mit patriotischen Themen, profaner Liebe und einem brillanten, rhetorischen Ton.
Religiöse Poesie: Asketik und Mystik
Als Folge der Reformation und Gegenreformation entwickelten sich zwei Strömungen: Die Asketik (Übungen zur Vervollkommnung der Seele) und die Mystik (der Versuch, die Vereinigung der Seele mit Gott zu beschreiben).
San Juan de la Cruz: Der Gipfel der Mystik
San Juan de la Cruz (Heiliger Johannes vom Kreuz), ein Reformer des Karmelitenordens, ist einer der bedeutendsten Mystiker. Seine Hauptwerke sind:
- Cántico Espiritual: Ein Dialog zwischen der Seele (Braut) und Christus (Bräutigam).
- Noche oscura del alma: Die Reise der Seele zur Vereinigung mit Gott.
- Llama de amor viva: Die Ekstase der Begegnung mit dem Göttlichen.
Sein Stil verbindet die Ästhetik der Renaissance mit populärer Lyrik und nutzt profane Liebesmetaphorik sowie metaphysische Symbole und Antithesen für spirituelle Inhalte.