Spanisches Theater im 20. Jahrhundert: Eine Übersicht

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Das spanische Theater vor 1936

Das Theater weist unter den besonderen Umständen vor 1936 Merkmale auf, die es von anderen Genres unterscheiden:

  1. Das Theater ist auf die Aufführung auf einer Bühne ausgelegt. Viele Stücke wurden jedoch nie aufgeführt und blieben reine dramatische Literatur, wodurch sie nur wenig Wirkung entfalteten.
  2. Das Theater hängt stärker als andere Gattungen vom wirtschaftlichen Erfolg ab: Die Kosten für eine Aufführung sind wesentlich höher als für die Veröffentlichung eines Buches. Daher gehen Produzenten im Theater oft nur geringe Risiken ein.
  3. Die Show ist ein audiovisuelles Ereignis (man muss nicht lesen oder schreiben können), was den Zugang für das Volk erleichtert. Dies führte jedoch dazu, dass die Zensur in diktatorischen Zeiten das Theater besonders hart traf.

Das spanische Theater im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts gilt als sehr originell, wobei die Werke oft gesellschaftliche Probleme thematisierten.

Erfolgreiche Theaterströmungen

Drei Strömungen dominierten vor dem Bürgerkrieg:

Die bürgerliche Komödie

Auch bekannt als Benaventine Komödie (Hauptvertreter ist Jacinto Benavente, Nobelpreis für Literatur 1922). Er verstand es, den Geschmack des Bürgertums zu treffen.

  • Inhalt: Typische Konflikte der Oberschicht (Untreue, Gleichgültigkeit, Leichtsinn, Heuchelei).
  • Stil: Ausgefeilte dramatische Entwicklung, scharfsinnige Sprache und Ironie, ohne jedoch die soziale Ordnung grundlegend infrage zu stellen.
  • Werke: "Intereses creados" (Die Interessenvertreter), "Señora ama" und "La malquerida" (realistischer, im ländlichen Milieu angesiedelt, mit mehr Tiefe).

Das lyrisch-poetische Theater

Auch als historisches oder modernistisches Versdrama bekannt. Es entstand als Reaktion gegen den Geist der Generation von '98.

  • Stil: Vielfältige Verse, große Musikalität, exotische Umgebungen (z. B. das muslimische Granada), rhetorische und historische Charaktere.
  • Autoren: Eduardo Marquina (konservativ), der wehmütig auf die spanische imperiale Vergangenheit blickt (Cid, Katholische Könige). Er schrieb auch ländliche Werke wie "En Flandes se ha puesto el sol", die später die Brüder García Lorca und Machado beeinflussten.

Das komische Theater

Vom Volk bevorzugt: Zarzuela, Boulevardtheater und Farcen.

  • Carlos Arniches: Meister der Sainetes (kurze Stücke mit malerischen und anmutigen Charakteren).
  • Die Brüder Álvarez Quintero: Ihre Stücke spielen in Andalusien, sind voller Klischees und enden meist mit einem Happy End.
  • Groteske Tragödie: Eine Variante, die ohne komischen Ton die ärmsten Aspekte der spanischen Realität darstellt (geschlossene Dörfer, Kazikentum). Beispiele: "La señorita de Trevélez", "Los caciques".
  • Das Astracán: Ein komisches Subgenre, das auf Wortspielen und Parodien basiert. Bekanntestes Werk: "La venganza de Don Mendo" von Muñoz Seca, das modernistische historische Dramen verspottet.

Innovatives Theater

Die zwei wichtigsten Erneuerer dieser Zeit waren:

Valle-Inclán und der Esperpento

Heute gilt er als der bedeutendste spanische Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Sein Werk umfasst zwei Phasen:

  • Bis 1920: Versuch, bürgerliche Konventionen durch reiche Sprache und viele Szenenwechsel zu überwinden.
  • Ab 1920: Schöpfung des Esperpento. Laut Valle-Inclán gibt es drei Arten, Charaktere zu betrachten: von unten (wie Helden), auf Augenhöhe oder von oben (mit Ironie, als unterlegene Wesen).
  • Werke: "Luces de Bohemia" (Glanz der Bohème), "Los cuernos de Don Friolera", "La hija del capitán". Er kritisiert die Gesellschaft durch den Kontrast zwischen Tragik und Komik.

García Lorca und die Erneuerung der Tragödie

Lorca begann mit modernistischem poetischem Theater, konzentrierte sich aber später auf die ländliche Tragödie:

  • Totaler Aspekt: Verbindung von Lyrik, Prosa, Volksmusik und Symbolik.
  • Volksnähe: Mit seiner Gruppe La Barraca brachte er Klassiker in die Dörfer.
  • Protagonisten: Oft Frauen, die mit elementaren Gefühlen wie Mutterschaft (Yerma) oder Liebe (Bluthochzeit, Bernarda Albas Haus) kämpfen.
  • Sprache: Einfach, klar und dennoch hochpoetisch durch Symbole und Metaphern.

Weitere Innovatoren waren Unamuno und Azorín (Generation von '98), Ramón Gómez de la Serna sowie Alberti und Pedro Salinas (Generation von '27).

Das spanische Theater nach 1936

Theater im Exil

Nach dem Bürgerkrieg waren viele Autoren tot oder im Exil. Im Exil-Theater blieb die Erinnerung an Spanien präsent. Es gab vier Strömungen:

  1. Politisches Theater: Erben des Esperpento (z. B. Alberti).
  2. Realistisches Theater: Soziales Engagement (z. B. Max Aub).
  3. Existenzialistisches Theater: Zeitlose Themen wie Liebe und Tod (z. B. Pedro Salinas).
  4. Symbolistisches poetisches Drama: Alejandro Casona ist der bekannteste Vertreter. Werke wie "La sirena varada" oder "Prohibido suicidarse en primavera" (Selbstmord im Frühling) verbinden Realität mit übernatürlichen Elementen.

Bürgerliches Drama und Humor-Theater

In Spanien dominierte zunächst das bürgerliche Drama (Einfluss von Benavente), das gesellschaftliche Probleme mied und moralische Lektionen mit Happy End bot (Autoren: Pemán, Calvo Sotelo, Alfonso Paso).

Beim Humor-Theater gab es zwei Richtungen:

  • Jardiel Poncela: Vorläufer des absurden Theaters ("Vier Herzen mit Bremse und Rückwärtsgang").
  • Miguel Mihura: Der eigentliche Erneuerer. Sein Werk "Tres sombreros de copa" (Drei Spitzenhüte) war wegweisend für einen kritischen und innovativen Humor.

Realistisches und engagiertes Theater

1949 markierte "Historia de una escalera" von Antonio Buero Vallejo den Beginn des sozialen Realismus. Es gab zwei Wege:

  • Alfonso Sastre: Radikales Theater des sozialen Protests, oft von der Zensur verboten.
  • Buero Vallejo: "Theater des Möglichen". Er nutzte historische Parallelen, um die Zensur zu umgehen und über die menschliche Situation nachzudenken (z. B. "El tragaluz", "El sueño de la razón").

In den 50er Jahren folgte die Generación Realista (z. B. José Martín Recuerda) mit einem pessimistischen und direkten Ton.

Experimentelles Theater und die Moderne

Ende der 60er Jahre öffnete sich das Theater internationalen Einflüssen:

  • Episches Theater: Bertolt Brecht (Verfremdungseffekt).
  • Theater des Absurden: Ionesco und Beckett.
  • Theater der Grausamkeit: Artaud.
  • Unabhängige Gruppen: Joglars, Els Comediants, La Fura dels Baus.

Wichtige spanische Dramatiker dieser Phase sind Francisco Nieva und Fernando Arrabal (panisches Theater). In den letzten Jahrzehnten zeigt sich eine große Vielfalt mit Autoren wie Antonio Gala und innovativen Straßentheatergruppen.

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