Subjektivierung: Begriffe und Theorien
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Subjektivierung
Subjektivierung ist ein Begriff, der in den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften auf unterschiedliche Weise Verwendung findet. Grundsätzlich lassen sich Ansätze, die die Subjektivierung gesellschaftlicher Verhältnisse beschreiben – etwa in der Arbeitssoziologie und der Individualisierungsthese –, von Ansätzen unterscheiden, die beschreiben, wie Individuen in sozialen Prozessen zu Subjekten gemacht werden. Letztere greifen besonders auf die Verwendung des Begriffs im Poststrukturalismus zurück.
(Post-)Strukturalismus und Diskursanalyse
Louis Althusser beschreibt Subjektivierung in Ideologie und ideologische Staatsapparate als eine ideologische Anrufung. Das Individuum wird zum Subjekt, wenn es eine Position in einer Struktur zugewiesen bekommt. Hierfür greift Althusser auf das Bild eines Polizisten zurück, der „Hey Sie da!“ ruft, wodurch man sich angesprochen fühlt und sich damit als ein Subjekt polizeilichen Zugriffs anerkennt. Das Selbstverständnis des Individuums als Subjekt wird als ein ideologischer Effekt beschrieben, der zur Reproduktion kapitalistischer Verhältnisse beiträgt. Gegenüber dem Subjektbegriff der klassischen Philosophie ist bei Althusser bedeutsam, dass ein Subjekt nicht einfach gegeben ist, sondern in einem Prozess hervorgebracht wird.[2]
Auch bei Michel Foucault steht der Begriff der Subjektivierung einem klassischen Verständnis des Subjekts als Gegebenem entgegen. Während Subjektivierung in Foucaults früheren Werken vor allem als die Einfügung in eine Ordnung verstanden wird[3], werden beim späteren Foucault stärker die Selbstgestaltungen und Selbsttechniken hervorgehoben, die der Genese des Subjekts zugrunde liegen. Foucault spricht hier auch von einer „Sorge um sich“.[4]
Judith Butler greift auf das Anrufungsmodell von Althusser zurück, kritisiert aber, dass dies eine geschlossene Ordnung annimmt. Mit Rückgriff auf Jacques Derridas Konzept der Iterabilität verweist sie darauf, dass die Reproduktion einer Ordnung in der Anrufung nie wie ein geschlossener Kreislauf funktioniert. In der Wiederholung von Anrufungen finden immer auch leichte Bedeutungsverschiebungen statt, die einen Raum für politisches Handeln und die Subversion von Ordnungen eröffnen.[5]
Jacques Rancière bezeichnet Subjektivierung als einen Prozess der Des-Identifikation mit den Kategorien einer bestehenden Ordnung. Subjektivierung ist der politische Prozess, in dem sich diejenigen zu Wort melden, denen die Fähigkeit zu sprechen aberkannt wird.[6]
Individualisierungsthese
In der maßgeblich auf Ulrich Beck zurückgehenden Individualisierungsthese wird Subjektivierung als eine „Subjektivierung von Gesellschaft“ verstanden. Damit wird eine gesteigerte Bedeutung des Subjekts beschrieben. Reflexions- und handlungsfähige Subjekte sind in der Lage, Vergesellschaftungsprozesse zu beeinflussen. Vor diesem Hintergrund wendet sich Beck gegen strukturalistische Ansätze und fordert eine „Subjektivierung der Soziologie“. Im Rahmen dieser These wird Subjektivierung im Wesentlichen synonym mit Individualisierung und Personalisierung verwendet.[7]
Arbeits- und Industriesoziologie
In der Arbeits- und Industriesoziologie beschreibt Subjektivierung eine Veränderung der Arbeitswelt, die mit der Postindustrialisierung einsetzt. Dabei werden Prozesse der Entkollektivierung und eine gesteigerte Bedeutung des Individuums ausgemacht. Das Subjekt wird über seine einzelnen Rollen hinaus in den Blick genommen, etwa durch die Thematisierung von Geschlechterfragen oder Wertorientierungen.[8]
Während in poststrukturalistischer Perspektive eher nach Subjektivierung durch Arbeit gefragt wird, steht hier die Subjektivierung von Arbeit im Zentrum, insofern die Bedeutung des „ganzen Menschen“ für die Arbeit thematisiert wird. Im Zusammenhang mit dem Postfordismus wird zudem die zunehmende Entgrenzung von Arbeit betont. Das arbeitende Subjekt wird als Produktionsfaktor entdeckt; G. Günter Voß und Hans J. Pongratz sprechen hier vom Arbeitskraftunternehmer.[11] Ulrich Bröckling spricht in Anlehnung an Foucault vom „unternehmerischen Selbst“.[12]
Praxistheorien
Während Praxistheorien üblicherweise das Subjekt einklammern und in Handlungsstrukturen oder situierte Praktiken auflösen, wird in neueren Ansätzen nach der Verschränkung von Subjektivierung und Praxis gefragt.[13][14] Es wird betont, dass Subjektivierung nicht allein von großen Diskursformationen abhängt, sondern immer auch situativ in den Vollzug von Praxis eingebettet ist. Damit wird Subjektivierung um eine mikrosoziologische Perspektive erweitert.
Einzelnachweise
- Christine Brinckmann: Der Voice-Over als subjektivierende Erzählstruktur des Film Noir.
- Louis Althusser: Idéologie et appareils idéologiques d'État, 1976.
- Michel Foucault: Surveiller et punir, 1975.
- Michel Foucault: Die Sorge um sich, 1989.
- Judith Butler: Excitable Speech, 1997.
- Jacques Rancière: La Mésentente, 1995.
- Matthias Junge: Subjektivierung der Vergesellschaftung, 1998.
- Frank Kleemann, G. Günter Voß: Arbeit und Subjekt, 2010.
- G. Günter Voß, Hans J. Pongratz: Der Arbeitskraftunternehmer, 1998.
- Ulrich Bröckling: Das unternehmerische Selbst, 2007.
- Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt, 2006.
- Thomas Alkemeyer: Subjektivierung in sozialen Praktiken, 2013.