Thomas von Aquin: Anthropologie, Ontologie und Ethik
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Anthropologie: Thomismus und intellektuelles Wissen
2.1 Grundlagen der thomistischen Anthropologie
1. Thomas von Aquin bekräftigt die Immaterialität des Geistes und damit auch der Seele. Aufgrund dieser Immaterialität erfasst der Verstand das Objekt in seiner gesamten Wirklichkeit, ohne jede Einschränkung.
2. Der Mensch ist jedoch in seinem Verständnis wesentlich an einen Körper gebunden, der mit spezifischen Erkenntnisorganen (den Sinnen) ausgestattet ist. Diese Verknüpfung des menschlichen Verstandes mit dem Körper wurzelt in der substanziellen Einheit von Leib und Seele, die Aquin auf Basis der aristotelischen Hylemorphismus-Theorie verteidigt. Daher ist der menschliche Geist darauf ausgerichtet, materielle Realitäten zu erkennen, nicht das wahre Wesen aller Dinge an sich.
3. Diese Bindung an einen Körper mit Sinnesorganen setzt voraus, dass intellektuelle Erkenntnis mit sinnlicher Wahrnehmung beginnt und nicht ohne diese ausgeübt werden kann: Der Verstand entwickelt Konzepte aus den Daten, die durch die sinnliche Wahrnehmung geliefert werden.
3. Struktur der Wirklichkeit: Ontologie
Die Lehre von der Schöpfung unterstreicht den radikalen Unterschied zwischen Gott und den anderen Wesen, die kontingent sind. Bei der Betrachtung der Geschöpfe unterscheidet Aquin zwischen dem, was die Dinge sind (Wesen), und der Tatsache, ob sie existieren (Dasein). Thomas von Aquin nutzte diese begriffliche Unterscheidung als Eckpfeiler seines Systems.
3.1 Kontingenz und die Zusammensetzung von Wesen und Existenz
Die Neuplatoniker argumentierten, dass das erste Prinzip durch äußerste Einfachheit geprägt sei, während andere Wesen zusammengesetzt seien. Die augustinische Tradition erklärte, dass alle Gegebenheiten außer Gott aus Materie und Form bestehen.
Thomas von Aquin akzeptiert das Kriterium der Zusammengesetztheit, jedoch nicht die augustinische Formel. Was geschaffene Dinge wirklich auszeichnet, ist die Zusammensetzung aus Wesen (Essenz) und Existenz (Existenz). Die Bejahung, dass Geschöpfe aus Wesen und Existenz bestehen, passt perfekt zu ihrem kontingenten Charakter: Ihre Existenz gehört nicht notwendigerweise zu ihrem Wesen. Nur ein notwendiges Wesen – Gott – ist identisch mit seiner Existenz.
3.2 Die Existenz als „Akt des Seins“
Diese Unterscheidung interpretiert Aquin durch die aristotelischen Konzepte von Potenz und Akt: Das Wesen ist die Potenz, die Existenz ist der Akt, der das Wesentliche aktualisiert.
- Das Dasein fungiert als Akt des Wesens.
- Jeder Kern entspricht einer bestimmten Art von Existenz.
- Die Existenz oder der „Akt des Seins“ entfaltet sich auf verschiedenen Stufen der Vollkommenheit.
Gottes Sein kennt keine Einschränkung; sein Wesen ist sein Sein, wodurch er aus sich selbst heraus besteht.
4. Ethik und Politik
4.1 Das thomistische Konzept der menschlichen Natur
Aquin akzeptiert, dass das Glück das ultimative Ziel des Menschen ist. Die Erkenntnis der menschlichen Natur ermöglicht die Ableitung moralischer Normen, die das Naturrecht darstellen.
Die griechische Philosophie bietet zwei Arten der Interpretation:
- Mechanistische Interpretation: Der Mensch handelt primär durch das Streben nach Lust und die Vermeidung von Schmerz (Ethik der Motive).
- Finalistische Interpretation: Der Mensch handelt zielgerichtet auf seine Erfüllung hin (Platon und Aristoteles). Thomas von Aquin folgt dieser teleologischen Sichtweise.
4.2 Wesen des Naturrechts
Thomas von Aquin behauptet, dass der Mensch, wie alle Naturwesen, bestimmte, in der Natur verwurzelte Tendenzen besitzt, die sein Verhalten auf einen bestimmten Zweck ausrichten.
4.3 Inhalt des Naturrechts
4.4 Eigenschaften des Naturrechts
Das Naturrecht ist in seinem Inhalt klar, universell und unveränderlich. Es dient als Leitmotiv für das menschliche Verhalten und muss für alle Menschen leicht erkennbar sein, unabhängig von Kultur, Rasse oder historischen sowie wirtschaftlichen Umständen.
4.5 Naturrecht und positives Recht
- Das positive Recht ist eine Forderung des Naturrechts, da ein geordnetes Zusammenleben in der Gesellschaft Regeln erfordert.
- Das positive Recht dient als kulturelle Erweiterung und Konkretisierung des Naturrechts.
- Das Naturrecht bildet den moralischen Rahmen, innerhalb dessen das positive Recht organisiert sein muss.
Für Aquin sind Recht und Moral nicht getrennt; das Recht ist in der Moral inkardiniert, wobei die Gerechtigkeit das verbindende Fundament bildet.
4.6 Naturrecht und die Ordnung des Universums
Das Naturrecht ist Teil der allgemeinen Ordnung des Universums, die von Gott als Schöpfer abhängt. Diese göttliche Ordnung wird als ewiges Gesetz bezeichnet. Während die Naturgesetze das Verhalten nicht-freier Wesen determinieren, respektiert das moralische Gesetz die Freiheit des Menschen, der sein Verhalten selbst wählen kann.