Thomas von Aquin: Philosophie, Theologie und Gottesbeweise
Eingeordnet in Philosophie und Ethik
Geschrieben am in
Deutsch mit einer Größe von 6,25 KB
Thomas von Aquin: Leben, Werk und Denken
Biografischer Überblick
Thomas von Aquin wurde um 1224/1225 in einer Adelsfamilie in Roccasecca, Italien, geboren. Seine schulische und akademische Ausbildung begann er im Benediktinerkloster Montecassino und setzte sie an der Universität Neapel fort. Im Jahr 1243 oder 1244 trat er noch vor seinem Abschluss nach dem Tod seines Vaters gegen den Willen seiner Familie in den Dominikanerorden (einen Bettelorden) ein. Seine Mutter lehnte den Eintritt in einen Bettelorden strikt ab und ließ ihn von der Familie über ein Jahr lang auf einer Burg festhalten – ein vergeblicher Versuch, ihn von seiner Berufung abzubringen.
Um das Jahr 1245 erlangte er die Freiheit wieder und reiste nach Paris, um sein Studium zu vervollständigen. Er studierte bei dem scholastischen Philosophen Albertus Magnus und folgte ihm nach Köln. Später übernahm Thomas einen bedeutenden Lehrstuhl an der Universität Paris. Er verstarb im Jahr 1274.
Glaube und Vernunft
Thomas von Aquin argumentiert, dass die Wahrheit eine einzige ist, man sie jedoch auf zwei Wegen erkennen kann: durch die Vernunft (ratio) und durch den Glauben (fides).
- Die Vernunft: Schöpft ihre Erkenntnis aus den Sinnesdaten. Ihre Wahrheiten – Gegenstand der Philosophie – sind für den menschlichen Verstand begreifbar und rational beweisbar.
- Der Glaube: Gründet auf göttlicher Offenbarung. Die Glaubenswahrheiten übersteigen die Kapazität der menschlichen Vernunft und können nicht rein rational bewiesen werden; sie müssen akzeptiert werden, weil sie unmittelbar von Gott stammen.
Beide Bereiche sind autonom und voneinander unabhängig. Es gibt jedoch Überschneidungen: Bestimmte Wahrheiten, die durch göttliche Offenbarung bekannt sind, können auch durch die Vernunft bewiesen werden (z. B. die Schöpfung, die Unsterblichkeit der Seele und die Existenz Gottes). Hier konvergieren Glaube und Vernunft in der natürlichen Theologie bzw. Ontologie. Die Philosophie steht folglich im Dienst der Theologie. Da die Wahrheit unteilbar ist, können philosophische Schlussfolgerungen niemals mit Glaubenswahrheiten unvereinbar sein.
Essenz und Existenz
Um das Schöpfungsproblem metaphysisch zu lösen, unterscheidet Thomas zwischen Essenz (Wesenheit, Sosein) und Existenz (Dasein, Wirklichkeit):
- Essenz (Wesenheit): Die Natur eines Seienden, verstanden als Potenz oder Möglichkeit.
- Existenz (Dasein): Der vollzogene, wirkliche Seinsakt (Akt).
In Gott fallen Essenz und Existenz wechselseitig zusammen: Seine Natur ist es zu existieren (sein Wesen ist das Sein selbst). Alle anderen Wesen sind kontingent; ihre Essenz impliziert nicht automatisch deren Existenz. Sie verdanken ihr tatsächliches Dasein dem Schöpfungsakt Gottes, der ihnen das Sein verleiht.
Die fünf Wege zur Erkenntnis Gottes (Quinque Viae)
Aus der Offenbarung wissen wir als Erstes, dass Gott existiert. Dies ist für den Menschen jedoch kein unmittelbar evidenter Grundsatz, da die menschliche Erkenntnis stets bei den Sinnen ansetzt und Gottes Existenz den Sinnen nicht direkt erfahrbar ist. Deshalb bedarf es eines rationalen Beweises a posteriori, ausgehend von der Schöpfung.
1. Weg: Der kosmologische Bewegungsbeweis
Dieser Weg basiert auf Aristoteles und beruht auf der sinnlichen Feststellung, dass es in der Welt Bewegung und Veränderung gibt. Es gilt das metaphysische Prinzip: Alles, was bewegt wird, wird von einem anderen bewegt. Nichts kann sich selbst von der Potenz zum Akt überführen. Diese Kette bewegter Beweger kann nicht ins Unendliche reichen (regressus in infinitum), da es sonst keinen ersten Anstoß gäbe. Folglich muss man zu einem ersten unbewegten Beweger gelangen, und diesen nennen alle Gott.
2. Weg: Der Kausalitätsbeweis der Wirkursache
Ebenfalls an Aristoteles angelehnt, geht dieser Beweis von der Erfahrung aus, dass in der Welt Wirkursachen existieren. Metaphysischer Grundsatz: Nichts kann seine eigene Wirkursache sein, da es dazu sich selbst vorausgehen müsste, was unmöglich ist. Eine unendliche Kette von Wirkursachen ist undenkbar. Daher muss eine erste Wirkursache (eine unverursachte Ursache) existieren, und dies ist Gott.
3. Weg: Der Beweis aus der Kontingenz der Wesen
Inspiriert von Maimonides und Avicenna. In der Natur finden wir Dinge, die entstehen und vergehen – sie können sein oder auch nicht sein (kontingente Wesen). Wenn alle Wesen nur möglich (kontingent) wären, hätte es einen Moment gegeben, in dem überhaupt nichts existierte, und somit könnte auch heute nichts existieren, denn: Was nicht ist, kann sich die Existenz nicht selbst geben. Daher muss es ein an sich notwendiges Wesen geben, das den Grund seiner Notwendigkeit nicht von einem anderen empfängt: Gott.
4. Weg: Der Stufenbeweis der Vollkommenheit
Inspiriert von Platon und Aristoteles. Wir beobachten in den Dingen verschiedene Grade des Guten, Wahren, Edlen und Vollkommenen. Ein Mehr oder Weniger wird immer im Vergleich zu einem Maximum beurteilt. Es muss folglich ein vollkommenstes Wesen geben, das der maximale Seinsgrund und die Ursache aller Vollkommenheit in anderen Wesen ist: Gott.
5. Weg: Der teleologische Beweis der Weltordnung
Dieser Beweis betrachtet die Zielgerichtetheit und Ordnung des Kosmos. In der Natur handeln selbst vernunftlose Körper nach einem Zweck, um das Beste zu erreichen. Da sie selbst keine Einsicht besitzen, können sie sich dieses Ziel nicht selbst setzen. Folglich existiert ein höchstes intelligentes Wesen, welches die gesamte Natur auf ihr Ziel hin ordnet und lenkt, und dieses bezeichnen wir als Gott.