Thomas von Aquin: Vernunft, Glaube und Gottesbeweise

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Das Denken des heiligen Thomas von Aquin

Im Zentrum der Lehre des heiligen Thomas von Aquin stehen die Beziehungen zwischen Vernunft und Glauben. Entgegen der Lehre von der „doppelten Wahrheit“ der lateinischen Averroisten vertritt Thomas die Ansicht, dass die Wahrheit einzigartig ist. Erkenntnis kann auf zwei Wegen erlangt werden:

  • Die Vernunft: Sie basiert auf den Sinnen und der menschlichen Logik.
  • Der Glaube: Er gründet auf der göttlichen Offenbarung.

Beide sind unabhängige Wege zur Wahrheit. Bestimmte Wahrheiten des Glaubens können nicht rational hinterfragt werden und gehen von Gott aus. Die Wahrheiten der Vernunft (Philosophie) können durch den menschlichen Verstand begriffen werden. Einige Wahrheiten können jedoch durch beide Wege erschlossen werden – diese nennt Thomas die Präambeln des Glaubens. Vernunft und Theologie kommen hier zusammen. Die Philosophie und die Vernunft gelten als irrig, wenn sie zu Schlussfolgerungen gelangen, die unvereinbar mit dem Glauben sind.

Demonstration der Existenz Gottes

Thomas von Aquin bietet eine A-posteriori-Demonstration der Existenz Gottes an, die von der sinnlichen Erfahrung ausgeht. Er entwickelte die fünf Wege (Quinque viae), um zu zeigen, dass Gott existiert. Die Struktur dieser Beweise folgt stets diesem Schema:

  1. Ausgangspunkt ist eine Tatsache der Erfahrung.
  2. Anwendung des Kausalitätsprinzips.
  3. Ablehnung eines unendlichen Regresses in der Kausalkette.
  4. Schlussfolgerung auf eine ursprüngliche Ursache, welche Gott ist.

Die fünf Wege des Thomas von Aquin:

  • Der erste Weg (Bewegung): Von der Bewegung in der Welt zum ersten unbewegten Beweger.
  • Der zweite Weg (Wirkursächlichkeit): Von der Kette der Ursachen zur ersten nicht verursachten Ursache.
  • Der dritte Weg (Kontingenz): Vom bedingten Wesen zum notwendigen ersten Wesen.
  • Der vierte Weg (Vollkommenheit): Von den Graden der Vollkommenheit in der Welt zu einem unendlich vollkommenen Wesen.
  • Der fünfte Weg (Weltordnung): Von der Zweckmäßigkeit und Ordnung der Welt zu einer ersten Intelligenz.

Schöpfung und die Ordnung der Welt

Thomas unterscheidet zwischen Wesen (Essenz) und Dasein (Existenz). Das Wesen wird als Potenzialität oder Möglichkeit verstanden, während die Existenz die effektive Verwirklichung darstellt. In Gott sind Wesen und Dasein identisch; er ist das notwendige und unendlich vollkommene Sein. Alle anderen Wesen sind kontingent, das heißt, ihr Wesen impliziert nicht notwendigerweise ihre Existenz; sie wurden von Gott geschaffen.

Anthropologie und Erkenntnistheorie

Thomas begreift den Menschen als eine Einheit aus Materie (Körper) und Form (die vernünftige Seele). Der Erkenntnisprozess erfolgt durch Abstraktion. Dabei entmaterialisiert die Seele die Formen, die durch die Sinne registriert wurden. In diesem Prozess arbeiten die Sinne, das Gedächtnis und der Verstand zusammen. Der aktive Verstand (Intellectus agens) bereitet die sinnlichen Daten so auf, dass der passive Verstand die verständliche Art (Species intelligibilis) erfassen kann.

Ethik und Politik

Unsere Handlungen haben ein letztes Ziel: das höchste Gut. Dies ist die Glückseligkeit, die durch die Ausübung der rationalen Seele und die Erkenntnis Gottes erreicht wird. Das menschliche Leben wird durch das ewige Gesetz Gottes geleitet. Der Mensch nimmt daran durch das Naturrecht teil, welches den spezifischen Neigungen der menschlichen Natur entspricht. Ein Mensch handelt richtig, wenn er dem Naturrecht folgt, das ihm seine Vernunft diktiert.

In der Politik muss das positive Gesetz (menschliches Recht) vom Naturrecht abgeleitet sein und dem Gemeinwohl dienen. Die politische Ordnung muss der moralischen und letztlich der göttlichen Ordnung untergeordnet sein.

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