Der i-Umlaut: Von der Phonologie zur Grammatik
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Der i-Umlaut: Grammatikalisierung einer phonologischen Erscheinung
Von Norden her verbreitete sich stufenweise eine Veränderung des Vokalsystems: der Umlaut. Im Englischen und in den nordischen Sprachen ist er schon vor dem Einsetzen der schriftlichen Überlieferung eingetreten, während er im Deutschen erst in mittelhochdeutscher (mhd.) Zeit vollständig durchgeführt wurde. Beispiele für den Umlaut sind im Englischen tooth : teeth und im Schwedischen tand : tänder.
Phonetisch gesehen ist der i-Umlaut eine regressive Assimilation. Ein nachfolgendes i oder j (das später zu e abgeschwächt wurde oder wegfiel) wandelt einen vorangehenden hinteren Vokal in den entsprechenden vorderen um, z. B. u > ü: full-jan > füllen.
Westgermanischer i-Umlaut (e > i)
Schon voralthochdeutsch war der Umlaut e > i eingetreten (sog. westgermanischer i-Umlaut): reht-jam > richten. Der heutige Vokalwechsel e > i im Präsens der starken Verben und bei etymologisch zusammengehörenden Wörtern ist auf diesen ältesten Vorgang zurückzuführen.
Primärumlaut (a > e)
Zu Beginn der althochdeutschen (ahd.) Zeit setzte der Umlaut a > e ein (sog. Primärumlaut), der sich in der Wortbildung, im Präsens der starken Verben, in der Komparation und besonders bei der Pluralbildung der Substantive auswirkte. Heute wird der Primärumlaut fast immer als e geschrieben.
Da viele Substantive im Plural einen Umlaut erhielten, wenn die folgende Silbe ein i enthielt (besonders sog. „i-Stämme“), entwickelte sich schon gegen Ende der ahd. Zeit aus dieser phonologischen Erscheinung allmählich ein morphologisches Element; d. h. der Umlaut wurde kennzeichnend für den Plural mancher Substantive.
Sekundärumlaut
Während i und e schon im Germanischen existierten, waren die Umlaute von ā, o, ō, u, ū neue Phoneme in der Sprache. Da es in der lateinischen Schrift keine Zeichen dafür gab, mussten neue geschaffen werden. Es ist daher erklärlich, dass es länger dauerte, bis sich diese Umlaute in der Schrift durchsetzten. Erst im Mhd. erscheinen sie regelmäßiger; in normalisierter Schrift als ä, ö, ü, iu [y:]. In Handbüchern wird dieser Umlaut als Sekundärumlaut bezeichnet.
Grammatikalisierung des Umlauts
Allmählich wurde der Umlaut im Deutschen morphologisiert, d. h. er wurde z. B. als Pluralmorphem und Modusmorphem in die Sprache aufgenommen und analogisch systematisiert. So heißt der Plural von Stab und Wolf heute Stäbe, Wölfe, obwohl diese Substantive (sog. „a-Stämme“) kein i in der Endung hatten, was noch im Schwedischen erkennbar ist: Plur. stavar, ulvar, aber gäster, fötter. Im Präteritum der starken Verben bezeichnet der Umlaut den Konjunktiv: nahmen – nähmen, sang – sänge.
Im Oberdeutschen unterblieb der i-Umlaut des u vor ck.