Westlicher Diskurs, Risikogesellschaft und Cyborg-Theorie
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Der selbstreflexive Diskurs der westlichen Kultur
1. Der selbstreflexive Diskurs der westlichen Kultur bezeichnet die Art und Weise, wie der Westen von sich selbst spricht. Dieser Diskurs beruht auf der Prämisse einer Kulturtheorie, die auf einer evolutionären und entwicklungsbiologischen Vorstellung von Fortschritt gründet, um die westliche Kultur zu fördern. Die Debatte beinhaltet Fragen wie: Wer sind die Westler?, Was sind die Pfeiler unserer Kultur?, Was tun wir?, Was wollen wir? und Wie stellen wir eine Beziehung zu anderen Kulturen her?
Kulturelle Evolution und ihre Schattenseiten
2.
a) Es herrscht der Glaube, dass es eine Evolution der Kulturen von weniger entwickelten Staaten hin zu einer weiteren Entwicklung gibt, der man in Schritten folgen muss. Würde man beispielsweise die nomadische Lebensweise aufgeben, würde dies nach Morgan als Übergang von der Barbarei zur Zivilisation gelten. Die westliche Kultur stünde dabei an der Spitze der Entwicklung. Wenn wir jedoch unsere Beziehung zu anderen Kulturen nicht nuanciert betrachten und keine Neugier kultivieren, können wir in verzerrte Vorstellungen darüber verfallen, wie wir Westler im Vergleich zu anderen Kulturen sind:
- Ethnozentrismus: Die Auffassung, dass unsere Kultur die einzige ist, die es versteht, die Beziehungen zur Natur zu erneuern und soziale Gerechtigkeit zu fördern.
- Fremdenfeindlichkeit: Die Ausgrenzung anderer kultureller Gruppen und deren Abwertung als minderwertig.
- Ecocratica (Ökokratie): Aus dieser Perspektive beschreibt Ulrich Beck die Konzeption, dass die Wissenschaft die einzige Aktivität ist, die Wissen über die Natur liefert. Sie gilt als die einzige Institution, der Politiker und die Öffentlichkeit vertrauen, um die Umweltprobleme der Risikogesellschaft, in der wir leben, zu bewältigen.
- Sexismus: Die Kritik am Mangel an sozialer und politischer Partizipation von Frauen in der westlichen Welt, ohne die Möglichkeit, Frauen als Wesen mit den gleichen Rechten wie Männer zu betrachten.
b) Der Glaube, dass die Entwicklung einer Kultur durch den Besitz von Fachwissen (Wissenschaft) und hochentwickelten Werkzeugen (Technologie) bestimmt wird. Eine Kultur wird demnach primär über den Grad ihrer wirtschaftlichen und wissenschaftlich-technischen Entwicklung definiert.
Patriarchat und die Rolle der Rationalität
3. Das Patriarchat rechtfertigt die unterschiedliche Behandlung der männlichen und weiblichen Natur durch die Annahme, dass ein Geschlecht dem anderen überlegen sei. Dies ist eng mit dem Machismus verknüpft, durch den Regelungen in der patriarchalischen Basis getroffen wurden, die ausschließen, dass Frauen die gleichen Rechte wie Männer ausüben. So argumentiert das Patriarchat, dass die Kriterien der Rationalität allein Männern vorbehalten sind (und Wissen somit exklusiv männlich ist). Wir müssen daher die Rollen von Natur und Kultur neu definieren, um zu bestimmen, wer wir sind und was wir wollen.
Wissenschaft und die Beherrschung der Natur
4. Seit der Neuzeit ist die Natur aus unserem Geist verbannt und wird von der Wissenschaft eingefangen oder manipuliert. Die Rolle der Natur wird als passiv angesehen; Fragen der Natur werden in Fragen von Wissenschaft und Technik transformiert. Die wissenschaftliche Erkenntnis sagt uns, wie die Natur beschaffen ist, und berechnet die Umweltrisiken. Eines der Probleme von Wissenschaft und Technologie ist jedoch, dass sie Risiken, Ungewissheiten und Unbestimmtheiten des aktuellen Wissensstandes oft nicht erklären können. Ein wichtiges Beispiel ist die fehlende Einigung zwischen Europa und den USA bei der Gesetzgebung zu gentechnisch veränderten Pflanzen und Produkten.
Ökologische Nachhaltigkeit und moderne Gesellschaften
5. Ein ökologisch nachhaltiges System wird missbraucht, wenn die Ökologie missachtet wird, ohne Zeit für Regeneration zu lassen – zum Beispiel, wenn mehr Bäume gefällt als gepflanzt werden, Fischbestände geplündert werden oder fossile Brennstoffe übermäßig genutzt werden. Dieses Modell einer nachhaltigen Ökologie wird von den Regierungen entwickelter Länder oft betont.
Ulrich Becks Kritik an der Risikokalkulation
6. Moderne Gesellschaften glauben, dass Länder die Folgen (sowohl gute als auch schlechte) der wirtschaftlichen, sozialen und technologischen Wissenschaft bewältigen können. Ulrich Beck kritisiert diesen Glauben mit folgenden Argumenten:
- Es wurde stets geglaubt, dass Fragen der Natur durch Wissenschaft und Technik transformiert werden können, sodass wissenschaftliche Erkenntnisse offenbaren, wie die Natur funktioniert und welche Risiken menschliche Eingriffe haben.
- Dieses Verständnis kann jedoch nicht alle Unsicherheiten erklären. Ein Beispiel sind die unterschiedlichen einzelstaatlichen Rechtsvorschriften in Europa und den USA über genetisch veränderte Produkte.
- Könnte die Wissenschaft Risiken objektiv und unumstritten melden, gäbe es diese Widersprüche in der Gesetzgebung nicht.
- Ein weiteres Beispiel für das Versagen, die Folgen technisch-wissenschaftlicher Aktivitäten zu kontrollieren, ist die Tschernobyl-Katastrophe, der schlimmste atomare Unfall der Geschichte.
Experten, Laien und globale Bedrohungen
7. Nach Beck können Risiken nicht allein durch aktuelle politische Vereinbarungen gelöst werden, welche die Akteure in Laien und Fachleute spalten. Experten in modernen Gesellschaften liefern zwar sachliche Informationen, können aber nicht beurteilen, welche Lösungen kulturell akzeptabel sind.
Die globale Risikogesellschaft
8. Es bedarf einer Analyse von Umweltfragen mit globalem Ansatz. Moderne Industriegesellschaften haben Risiken wie das Ozonloch, Treibhausgase oder Wasserknappheit erzeugt. Hinzu kommen Gefahren durch ungleiche Ressourcenverteilung und Armutsrisiken. Die Existenz von Massenvernichtungswaffen (atomar, biologisch, chemisch) zeigt laut Beck, dass die Risikogesellschaft eine globale Risikogesellschaft ist.
Prinzipien und kosmopolitische Lösungen
9. Dieses Prinzip beruht auf drei Punkten:
- Die Risikogesellschaft ist ein Problem an sich.
- Die Gefahr der Selbstzerstörung schafft eine politische Dynamik hin zu kooperativen internationalen Institutionen.
- Grenzen werden durch die Politik aufgehoben; Beck plädiert für eine kosmopolitische Lösung und eine Neuerfindung der Politik.
10. Der kosmopolitische Ansatz zeichnet sich durch einen Bruch mit dem Prinzip der nationalen Souveränität bei globalen Problemen aus, da Themen wie die natürliche Umwelt über nationale Rechenschaftspflichten hinausgehen.
Abgrenzung vom technokratischen Denken
11. Beck distanziert sich von realistischen Ansätzen, die Gefahren rein naturwissenschaftlich erklären wollen. Sein Vorschlag trennt sich von technokratischem und rein ökologischem Denken. Er weist darauf hin, dass die Ökologie oft auf der Idee beruht, Wissenschaft könne die Natur „heilen“. Eine Analyse zeigt jedoch, dass wir die Auswirkungen von Risiken oft nicht quantifizieren können, da die reflexive Moderne auf Unbestimmtheit beruht. Beck betont, dass der Naturbegriff der Wissenschaft der westlichen Sicht entspricht und nicht alle kulturellen Wahrnehmungen abdeckt.
Natur als kulturelles Konzept
12. Becks Denken, ähnlich wie das von Latour und Haraway, betont, dass Natur keine einzige, objektive Wirklichkeit ist, sondern vom Verständnis der Kulturen abhängt. Natur ist ein Konzept, keine starre Realität. Unter dieser Prämisse kritisiert er eine konservative, ökokratische Haltung im Umweltschutz. Wissenschaften allein können globale Bedrohungen nicht bewältigen, da diese mit der kulturellen Wahrnehmung von Risiken verknüpft sind.
Das Monopol der Rationalität
Das technokratische Denken geht davon aus, dass es eine Spezialisierung des Wissens gibt. Wenn Menschen wissenschaftliche Risiken ablehnen, wird dies als bloßer Informationsmangel abgetan. Beck argumentiert dagegen, dass dies ein Monopol der Rationalität der Wissenschaft darstellt, während die öffentliche Wahrnehmung oft als irrational diskreditiert wird.
Kritik am ökokratischen Denken
13. Nein, Becks Denken beharrt darauf, dass Natur keine einheitliche Realität ist. Mit dieser Voraussetzung wird die konservative Haltung des Umweltschutzes durch ein kritisches Verständnis der Ökokratie hinterfragt. Für Beck kann die Natur nicht das alleinige Referenzsystem zur Lösung der ökologischen Krise sein.
14. Nein, denn in unserer technisch-wissenschaftlichen Gesellschaft definiert die Wissenschaft, was als Risiko wahrgenommen wird. Die vermeintliche Irrationalität der öffentlichen Wahrnehmung wird von Experten oft herablassend behandelt, als besäße die Öffentlichkeit keine Basis für ihre Entscheidungen.
Die Spaltung zwischen Experten und Laien
15. Nach der gängigen These stellt die Wissenschaft das Risiko fest und die Bevölkerung nimmt es hin. Beck argumentiert, dass diese Idee einem Monopol der Vernunft entspricht. Dies führt zu einer Aufteilung der Welt in Experten und Nicht-Spezialisten. Experten betrachten die Mehrheit der Bevölkerung oft als unwissend. Beck verteidigt hingegen die Forderung, dass die Menschen in den Bereichen mitbestimmen müssen, welche die Risiken der Wissenschaft betreffen.
Donna Haraway und die Ontologie der Cyborgs
16. Cyborgs sind hybride Organismen aus Maschinen, kybernetischen Elementen und Lebewesen, die gleichzeitig in natürlichen und künstlichen Welten existieren. Dank der Cyborgs verstehen wir uns als eine Mischung aus Fakten und Fiktion, die künstliche und natürliche Elemente kombiniert.
17. In der Ontologie der Cyborgs lösen sich die Grenzen zwischen natürlicher und künstlicher Realität auf. Dies könnte eine neue Vision für das Verständnis der Wirklichkeit schaffen und ein neues politisches Engagement für die sozialen Beziehungen von Wissenschaft und Technik erfordern.
Gegenentwurf zum Essenzialismus
18. Essenzialistische Ansätze argumentieren, dass alle Dinge (Natur, Mann, Frau) einem festen Schema folgen. Dies steht der Ontologie der Cyborgs entgegen. Die Biologin Donna Haraway schlägt vor, unsere Ontologie zu revidieren. Für sie macht die technische Welt uns alle zu Cyborgs. In dieser Sichtweise lösen sich die Grenzen zwischen Tier und Maschine sowie zwischen Sozialem und Natürlichem auf. Cyborgs sind Hybride, eine Mischung aus Natur und Technik, die der Idee eines statischen, uniformen Charakters widersprechen.
Wissenschaft als Machtinstrument
19. Der kognitive Kanon bestimmt, was als Wissen angesehen wird. Haraway kritisiert Vorurteile, die als objektive kognitive Elemente getarnt wurden und zur Ausbeutung von Frauen beitrugen. Man muss die Konzepte der modernen Wissenschaft (wie bei Boyle und Hobbes) neu interpretieren. Boyle stellte den Wissenschaftler als unparteiisch und neutral dar, der die Natur durch Experimente „sprechen“ lässt.
Der bescheidene Zeuge und die Rolle der Frau
20. Haraway behauptet, dass die experimentelle Kultur zur mangelnden Teilhabe von Frauen in der Wissenschaft beigetragen hat. Frauen konnten Zuschauer, aber keine legitimen Zeugen sein. Haraway spricht vom bescheidenen Zeugen als jemandem, der das Schauspiel der Wissenschaft beobachtet. Die Autorität wissenschaftlicher Wahrheiten wird durch neutrale Tests untermauert, bei denen Akteure den Erfolg der Wissenschaft bezeugen sollen" zeugen.