Wirtschaftsgeschichte: Globalisierung und Marshall-Plan

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Die Entwicklung des Welthandels im 19. und 20. Jahrhundert

Warum wuchs der internationale Handel im 19. Jahrhundert und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts?

Die Internationalisierung der Weltwirtschaft zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und dem Ersten Weltkrieg erreichte eine Intensität, welche die Bezeichnung der ersten Globalisierung verdient hat. Der sichtbarste Ausdruck dieses Prozesses war nicht nur ein ständig wachsendes Volumen des grenzüberschreitenden Real- und Finanzhandels, sondern auch die Konvergenz der jeweiligen Preise und Löhne, in einigen Fällen sogar der Pro-Kopf-Einkommen. Während dieser Zeit wurden die Volkswirtschaften zunehmend miteinander verbunden und voneinander abhängig, sodass sie in Zukunft möglicherweise nicht mehr ohne ihre internationale Referenz existieren können.

Zusammenhang von Industrialisierung und Welthandel

Das Zusammentreffen von Industrialisierung und Internationalisierung ist kein Zufall. Zwischen den beiden Phänomenen besteht ein wechselseitiger Zusammenhang: Die Industrialisierung umfasst Marktbedürfnisse, die zur Vermehrung des Austauschs auf nationaler und internationaler Ebene führen. Die umfassende Entwicklung dieses internationalen Handels generierte eine Arbeitsteilung, Spezialisierung und eine effizientere Umverteilung von Faktoren, was wiederum eine größere wirtschaftliche Effizienz und mehr Wachstum ermöglichte. Die Industrialisierung profitierte von den Gewinnen aus Handel und Gewerbe, während der Anstieg der Produktion den Handel weiter befeuerte. Die Entwicklung der internationalen Wirtschaft war kurz gesagt sowohl Ursache als auch Folge des Wachstums der Volkswirtschaften.

Ursachen der ersten Globalisierung (1850–1914)

Die Ursachen für die erste Globalisierung müssen einerseits in der Politik der Offenheit der Regierungen gesucht werden, die für eine deutliche Reduzierung der Zollschranken sorgten. Andererseits ermöglichte das Aufkommen neuer Technologien eine signifikante Reduktion der Transportzeit und -kosten. Diese Globalisierung der Wirtschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und den frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde von freiem Kapitalverkehr begleitet. Dies führte zu einer starken Entwicklung des Freihandels und massiven Wanderungsbewegungen, begünstigt durch das damalige Fehlen staatlicher Einwanderungskontrollen.

Die Phase des Protektionismus (1914–1950)

Vom sozialen Standpunkt aus lieferte die erste Globalisierung zufriedenstellende Ergebnisse. Leider wurde diese positive Entwicklung von 1914 bis 1950 abrupt durch die Zerstörung des internationalen Wirtschafts- und Finanzsystems infolge der beiden Weltkriege unterbrochen. Gründe hierfür waren das Verschwinden des Goldstandards, die Einführung protektionistischer Maßnahmen (insbesondere Zölle) durch die Regierungen sowie strenge Beschränkungen der grenzüberschreitenden Kapitalströme und der Freizügigkeit von Personen. All dies führte dazu, dass die Globalisierung zurückgehalten wurde.

Die zweite Welle der Globalisierung nach 1945

Nach 1945 und besonders seit 1950 – also in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – kam die zweite Welle der Globalisierung. Hier begannen sich die Dinge hinsichtlich der Grenzöffnung wieder in die Richtung zu bewegen, wie sie vor 1914 bestanden hatte. Im Jahr 1973 wurde zudem das Bretton-Woods-System aufgelöst, um Platz für ein Regime flexibler Wechselkurse zu machen. Dies revitalisierte die Kapitalmärkte und förderte die schrittweise Abschaffung von Devisenkontrollen.

So wurden die Grundlagen für einen neuen Globalisierungsprozess gelegt, der sich über 50 Jahre hinweg schrittweise vollzog. Aktuell wird dieser Prozess vor allem durch neue technologische Entwicklungen im Bereich der Kommunikation und Information beschleunigt. Dies eröffnet neue Wege für die Organisation von Unternehmen weltweit, mit mehr Effizienz und internationaler Integration. Dieses Merkmal, dessen Paradigma das Internet ist, lässt uns an der Schwelle einer neuen globalen Wirtschaft stehen.

Der Marshall-Plan und die geopolitische Spaltung

Gründe für den Marshall-Plan und die Isolation der UdSSR

Der Marshall-Plan (offiziell European Recovery Program oder ERP) war ein US-Plan mit zwei primären Zielen: erstens der Wiederaufbau der europäischen Länder nach dem Zweiten Weltkrieg und zweitens die Eindämmung einer möglichen Ausbreitung des Kommunismus. Die Initiative wurde nach dem Außenminister der Vereinigten Staaten, George Marshall, benannt und maßgeblich vom State Department konzipiert.

Umsetzung und wirtschaftliche Folgen des ERP

Der Rekonstruktionsplan wurde 1947 auf einem Gipfeltreffen der beteiligten europäischen Staaten vorgestellt. Die Sowjetunion und die Staaten Osteuropas waren theoretisch ebenfalls eingeladen. Die Bedingungen (wie die Offenlegung interner Wirtschaftsdaten und externe Kontrollen in einem integrierten europäischen Markt) waren jedoch offensichtlich uncompatibel mit dem ökonomischen System und den ideologischen Prinzipien des sogenannten realen Sozialismus. Moskau übte Druck auf Länder aus, die Interesse bekundet hatten (wie Polen und die Tschechoslowakei), woraufhin diese ihre Teilnahme absagten.

Der Plan lief über vier Geschäftsjahre ab Juli 1947. Die Staaten, die der Europäischen Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC) – dem Vorläufer der OECD – beitraten, erhielten insgesamt 13 Milliarden Dollar sowie technische Unterstützung. Nach Abschluss des Plans hatten die Volkswirtschaften fast aller teilnehmenden Länder (mit Ausnahme der Bundesrepublik Deutschland) ihren Vorkriegsstand übertroffen. In den folgenden zwei Jahrzehnten erlebte Westeuropa ein beispielloses Wachstum und Prosperität.

Kritik und politische Auswirkungen

Die genauen Auswirkungen des Marshall-Plans auf das Wachstum sind ein viel diskutiertes Thema unter Historikern. Der Plan wird auch als Element gesehen, das die europäische Integration vorantrieb, da er Institutionen zur wirtschaftlichen Koordination schuf. Eine weitere Folge war die systematische Einführung moderner Management-Techniken.

Einige Historiker behaupten, dass die Erfolge eher auf die neue Politik des Freihandels oder des Laissez-faire zurückzuführen seien, die eine Marktstabilisierung ermöglichte. So förderte die OEEC neben der Verteilung der Hilfe auch den freien Handel und den Abbau von Zollschranken.

Die Rolle der Sowjetunion und der Kalte Krieg

Es wurde als angemessen erachtet, die Sowjets wie die anderen Siegermächte einzuladen. Die Einladung erfolgte explizit, da die USA ein zu klares Zeichen des Misstrauens vermeiden wollten. Beamte des State Departments wussten jedoch, dass Stalin einer Teilnahme nicht zustimmen würde und dass der US-Kongress keine großen Geldmengen an die Sowjetunion bewilligen würde.

In einer Rede vor den Vereinten Nationen im Jahr 1947 erklärte der stellvertretende sowjetische Außenminister Andrei Wyschinski, dass der Marshall-Plan die Grundsätze der UN verletze. Er beschuldigte die USA, ihren Willen anderen unabhängigen Staaten aufzuzwingen und finanzielle Hilfe als Instrument des politischen Drucks gegen bedürftige Nationen einzusetzen.

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