Sprachentwicklung im Kindesalter: Phasen und Theorien

Gesendet von Gemeinschaft Wikiteka und eingeordnet in Leibesübungen

Geschrieben am in Deutsch mit einer Größe von 6,71 KB

Einführung

Nach einem Zitat von Miguel Pérez, Professor an der Universität Santiago de Compostela, „versetzt uns die erstaunliche Fähigkeit menschlicher Babys, sich Sprache anzueignen, in Erstaunen und lässt uns annehmen, dass ihr Aneignungsprozess magisch ist.“

Die mündliche Sprache ist eine komplexe menschliche Aktivität, die zwei grundlegende Funktionen erfüllt: Kommunikation und Repräsentation. Neben der mündlichen Sprache existieren weitere Formen der Kommunikation und Repräsentation wie die künstlerische Sprache, audiovisuelle Medien sowie die Körpersprache. Sie alle dienen als Bindeglied zwischen der Außenwelt und der inneren Welt des Individuums und ermöglichen den Ausdruck von Gedanken, Gefühlen und Erfahrungen sowie die Interaktion mit anderen Menschen. Das primäre Ziel der Sprache ist die orale Kommunikation.

Gemäß dem Dekret 1630/2006 vom 29. Dezember über die Mindestanforderungen der frühkindlichen Bildung (zweiter Zyklus) soll die affektive Entwicklung zur körperlichen, sozialen und intellektuellen Entwicklung von Jungen und Mädchen beitragen. Die Sprache nimmt dabei eine primäre Rolle für die ganzheitliche und harmonische Entwicklung des Kindes ein.

Im Folgenden werden die Entwicklung der Sprache, die Beziehungen zwischen Sprache und Denken, das Sprachverständnis, die Ausdrucksentwicklung sowie die nonverbale Kommunikation und häufige Sprachstörungen thematisiert.

Die Entwicklung der Sprache

Pädagogisches Arbeiten im Bereich Kommunikation erfordert die Förderung von Fähigkeiten rund um den Empfang, die Interpretation und die Produktion bzw. Äußerung von Botschaften. Dies trägt zu einem besseren Verständnis der Welt sowie zur Anregung der kreativen Vorstellungskraft bei.

Die Sprachentwicklung vollzieht sich als Folge der Koordination und Synchronisation von Verhaltensweisen zwischen dem Säugling und seiner Umwelt, wobei beständige Routinen und Interaktionsmuster eine Schlüsselrolle spielen.

Faktoren der Sprachentwicklung

Es existieren drei wesentliche Faktoren, die die Sprachentwicklung begünstigen oder hemmen können:

  • Umweltfaktoren: Anregung, Nachahmung sowie Interaktionen mit Erwachsenen und Gleichaltrigen.
  • Physische Faktoren: Neurologische Reifung, Funktionsfähigkeit der Sprechwerkzeuge (Bukkophonatorischer Apparat) sowie der Sinnesorgane.
  • Psychologische Faktoren: Kognitive Reifung und Intentionalität.

Funktionen der Sprachförderung

In Bezug auf die Sprache ergeben sich drei wesentliche Aufgaben:

  • Fördern: Anregung der Kommunikation und Aufbau korrekter Ausdrucksgewohnheiten.
  • Prävention: Frühzeitige Erkennung von Problemen sowie motorische und bukkophonatorische Übungen.
  • Kompensation: Gezielte Intervention beim Auftreten von Sprachschwierigkeiten.

Phasen der Sprachentwicklung

Zur Analyse der Sprachentwicklung dient das Modell von Ignacio Vila:

Die prälinguistische Phase

Von Geburt an reagiert das Kind auf Umweltreize (vor allem auf Stimmen) und zeigt spezifische Verhaltensweisen wie Blickkontakt oder Armbewegungen. Die ersten Laute von Babys sind vor allem vokalisch und stellen motorische Übungen für die Muskulatur des bukkophonatorischen Apparats dar.

Erwachsene passen ihr Verhalten den Reaktionen des Säuglings an. Diese frühe Form des Dialogs wird nach Bates als Protokonversation bezeichnet. Dabei handelt es sich um einen Reiz-Reaktions-Austausch zwischen Erwachsenem und Kind in Form stabiler, kontrollierter und routinierter Dyaden. Ab etwa dem 4. Monat werden Gegenstände in diese Interaktion einbezogen (Mechanismus der gemeinsamen Aufmerksamkeit nach Bruner, 1994).

Die linguistische Phase

  • 0 bis 2 Jahre: Beginnend mit differenziertem Weinen und Schreien entwickeln sich protoimperative und protodeklarative Äußerungen. Anschließend folgt das Lallen (unspezifische Laute) und das intentionale Murmeln. Mit dem Auftreten erster Phoneme (wie p, m, t) entstehen sogenannte Holophrasen (Einwortsätze). Mit etwa 1,5 Jahren folgen Kombinationen aus zwei bis drei Wörtern, Übergeneralisierungen sowie Personalpronomen („ich“, „du“). Der Wortschatz umfasst extralinguistische Referenzen („Wasser“, „Brot“), egozentrische Sprache („gib“, „bring“), Attribute („dumm“, „gut“) und Fragewörter („was“, „wie“).
  • 2 bis 4 Jahre: Durch neue Interaktionspartner und Kontexte (z. B. Eintritt in den Kindergarten) findet eine deutliche Sprachbereicherung statt. Der Wortschatz wächst beachtlich, Konsonanten festigen sich und Pronomen der dritten Person werden genutzt. Es entstehen einfache Satzstrukturen.
  • Bis 6 Jahre: Neue Sprachvorbilder erweitern das Vokabular auf etwa 4.500 Wörter zum 6. Lebensjahr. Die Beherrschung der Zeitformen verbessert sich (mit Ausnahme von Konjunktiv und Konditional) und die Syntax wird komplexer (Satzgefüge).

Merkmale der kindlichen Sprache

  • Artikulatorische Unreife: Kinder entwickeln zunächst ihre eigene Syntax (z. B. „Ich Pony“).
  • Schneller Aufbau von Begriffskonzepten (Fast Mapping): Neue Wörter werden oft schon nach ein- oder zweimaligem Hören im Gesprächskontext assimiliert.
  • Pragmatische Entwicklung: Die soziale Sprache wird ausgebaut, um kompetent kommunizieren zu können.
  • Private Sprache: Lautes Sprechen mit sich selbst ohne die Absicht, mit anderen zu interagieren.

Sprache und Denken

Hinsichtlich des Verhältnisses von Sprache und Kognition stehen sich unterschiedliche theoretische Ansätze gegenüber:

  • Noam Chomsky: Er begreift Sprache als ein angeborenes „mentales Organ“. Das Auftreten von Sprache spiegelt die Reifung genetischer Anlagen wider, die der menschlichen Spezies eigen sind. Chomsky postuliert ein angeborenes Sprachwerwerbssystem (Language Acquisition Device – LAD), das dem kindlichen Gehirn ermöglicht, gehörte Sprache zu analysieren und grammatische Regeln abzuleiten.
  • Jean Piaget: Für Piaget ist die Sprache Ausdruck des Denkens; die kognitive Entwicklung hat Vorrang vor der sprachlichen Kommunikation. Die Sprache entwickelt sich erst individuell und verlagert sich dann ins Soziale. Nach Piaget hat jedes intelligente Handeln ein motorisches Vorverhalten, womit das Denken stets im Handeln verwurzelt ist.